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Geschichtsmuseen (FG)
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2002 - Bericht vom 9. Fachgruppentag
Vom 2. bis zum 4. November 2002 versammelten sich in Bamberg 65 KollegInnen in der Universität Bamberg zum Thema "Residenz, Bürgerstadt, Industriestadt. Museumssammlungen, Industrialisierung und Modernisierung im 19. Jahrhundert.
Die von Cornelia Foerster (Bielefeld) und Regina Hanemann (Bamberg) inhaltlich und organisatorisch hervorragend vorbereitete Tagung begann nach Begrüßung (Jürgen Steen) und Grußwort von York Langenstein (Landesstelle für die Nichtstaatlichen Museen, München) mit dem Referat von Wilfried Krings (Uni Bamberg), der für Bamberg die Gärtner und Häcker als ökonomisch besonders bedeutende Gruppe herausstellte. Der Bischofs-Stadt sei der Status als Weltkulturerbe auch und gerade wegen der sichtbaren Spuren jener Ackerbürger-Identität (vgl. Amiens und Bourges) verliehen worden. Mit dem 19. Jahrhundert verbinde sich neben der Industrialisierung Bambergs (Kapital kam z.T. aus dem traditionellen Gartenbau) die Erschließung neuer Verkehrswege (Eisenbahn) und damit gestiegene Wettbewerbs-Chancen für Gemüse, Süßholz und Samen aus der Region.
Gastgeberin Regina Hanemann und Kolleginnen erläuterten unter dem Titel "Von der Romantik zur Gründerzeit - Bürgerkultur im 19. Jh. in Bamberg" das Entwicklungskonzept des in Umgestaltung befindlichen Historischen Museums Bamberg (Domplatz) vor Ort. Eine Besichtigung des durch einen Verein getragenen Gärtner- und Häckermuseums schloss sich an.
Beim überaus freundlichen Empfang im Rathaus betonte OB H. Lauer die Bedeutung der Historischen Museen für die Stadt.
Ausgehend von der zeitgenössischen Darstellung des "Schiller-Festzuges" von 1859 (Teil des legendären Frankfurter Ausstellungskonzeptes von 1975) erläuterte Jürgen Steen (Frankfurt/M.) die verschiedenen Lesarten der industriellen Revolution gleichsam zwischen "Lust" und kurioser "Überhöhung". Die Frankfurter Museumsgründung durch Friedrich Scharff fiel 1861 (Eröffnung 1878) mit dem Abbruch bedeutender Gebäude und intensiven Neubauaktivitäten zusammen. Wichtigste These Steens: "Durch Veränderung der Stadt entsteht Überlieferung"; hieraus leite sich primär der Dokumentations- und Sammelauftrag stadtgeschichtlicher Museen ab.
Thomas Schwark (Hannover) stellte die Eröffnung des hannoverschen "Vaterländischen Museums" (1901/03) in den Zusammenhang mit den diversen Museumsinitiativen im zur preußischen Provinzstadt erniedrigten Residenz-Metropole Hannover des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Entgegen aller tradierter "Gründungsmythen" stehe eine landesgeschichtliche Sammlung und die Initiative des nationalliberalen Stadtdirektors am Beginn des hannoverschen Geschichtsmuseums.
Über "Kunst, Gewerbe, Bürgerstolz - Sammlung und Konzeption des ehemaligen Heimatmuseums Coburg nach 1905" berichtete Hubertus Habel (Coburg). Das 1931 eröffnete Haus hatte 1905 mit dem "Museumssaal" im Rathaus einen Vorläufer, mit dem die Kunst- und Industrieproduktion der Residenz-Epoche zum Ausdruck kam. Leider aber existiert zur Zeit kein stadtgeschichtliches Museum, für dessen Wiedereröffnung mit neuem Konzept sich zahlreiche BürgerInnen Coburgs aktuell einsetzen. "Sinnstiftung in der Provinz? Wie modern waren die westfälischen Museen im Kaiserreich?" lautete der Titel des Vortrags von Gisela Weiß (Münster). Eindrucksvoll zeigte sie anhand mehrerer regionaler Beispiele (Herford, Dortmund), dass die Museumsgründungen des ausgehenden 19. Jhd. in engem Zusammenhang mit Modernisierungen und Veränderungen der Stadtgestalt standen. "Retten vor Zerstörung, Retten vor Zerstreuung" waren die primären Motive der Museumsgründer, die zumeist gleichzeitig auch die Modernisierer waren. Eckhard Trox (Lüdenscheid) ergänzte das Spektrum unter der Fragestellung "'Messe-Ausstellung' oder ‚Heimatmuseum'?" und stellte dar, dass die Intention der Museumsinitiativen in Altena, Lüdenscheid und Iserlohn zwischen 1885 und 1924 geprägt von dieser Polarität von musealer Leistungsschau und bewahrender Geschichtskultur waren.
Steffen Krestin (Cottbus) erläuterte die besondere Entwicklung und die Rolle des 1884 eröffneten Geschichtsmuseums Cottbus. Im Zeichen von Industrialisierung und Zuwanderung richtete sich das hohe Bürger-Engagement im Sinne von Geschichtsvermittlung und Konstruktion von Heimat auf die zahlreich Zugewanderten sowei die Gruppe der Sorben.
Hans Jürgen Beier (Werdau) schlug unter dem Titel "Der Weggang der Arbeit - was bleibt fürs Museum?" den Bogen von der 1906 begonnenen, von Fabrikanten und Intellektuellen getragenen Museumsinitiative der sächsischen Stadt zur aktuellen Situation einer rasant entindustrialisierten Region und den Auswirkungen auf das Museum. Uwe Fiedler (Chemnitz) führte den überraschenden Aussagewert der Sachquellengruppe "Schützenscheiben" vor und stellte eindrucksvoll heraus, wie sich zentrale Etappen der Industrialisierung sowie Ereignisse der Moderne auf diesen "klassischen" Musealien abbilden. Franz Niehoff (Landshut) skizzierte die zwar verspätete aber vehemente Industrialisierung der niederbayrischen Kreisstadt ab etwa 1850. Erst 1910 entstand ein Museum, das jedoch nicht kontinuierlich fortexistierte. Intensiv wurde auch hier - etwa 1903 - der Gedanke der (historisch hergeleiteten) Leistungsschau aufgegriffen. Über Umstände und Kontext der Gründung ihres Hauses im Jahre 1879 berichtete Astrid Pellengahr (Kaufbeuren). Herausragend sind Person und Nachlass des Dichters Ludwig Ganghofer, der sich intensiv auch mit elektro-physikalischen Versuchen beschäftigte. Erich Schneider (Schweinfurt) erläuterte die hohe Bedeutung von Industrie und speziell der Kugellager-Produktion für die ehemalige Reichsstadt. Stadtgeschichte wird zwar seit 1934 museal präsentiert, industrielle Aspekte finden dabei indessen kaum Berücksichtigung.
"In eigener Sache" thematisierte die Fachgruppe unter Leitung ihres Sprechers Volker Rodekamp (Leipzig) zunächst das Thema des Herbsttreffens 2003: Gern akzeptierte das Plenum, die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung in Stadt- und heimatgeschichtlichen Museen/Sammlungen zum Gegenstand der Tagung zu machen. Als Ort wurde Hamburg vorgeschlagen, wo jüngst neugestaltete Ausstellungen zum Thema vorhanden sind. Engagiert wurde der Vorschlag von Sprecher und Beirat diskutiert, die Fachgruppe künftig in "Geschichtsmuseen" umzubenennen. Die Kategorie des "Geschichtlichen" sei das eigentliche Unterscheidungsmerkmal gegenüber den in anderen FG organisierten Häusern. Auch Landes- und Regionalmuseen sowie Schlössern und Denkmalen würden mit der Bezeichnung "Geschichtsmuseen" zur Mitarbeit eingeladen. Die "kleinen" Einrichtungen sollen dabei künftig keineswegs ausgeschlossen werden. Zudem hätten Vorbehalte gegenüber dem "Heimat"-Begriff und entsprechende Missverständnisse Großstadt-Museen vielfach von einer Mitarbeit abgehalten. Diskussionswürdig schien einigen Teilnehmern eine sich hierdurch möglicherweise ergebende verengte Ausrichtung, die sich im neuen Namen ausdrücken könnte, wo doch viele der zugehörigen Häuser sich nach Art der Sammlungen und Schwerpunktsetzung "kulturgeschichtlich" verstehen würden. Der Fachgruppensprecher wird alle Mitglieder der Fachgruppe nochmals anschreiben, um ein endgültiges Meinungsbild einzuholen. Bei positivem Votum-dies zeigte sich bereits während der Bamberger Diskussion-soll dem Vorstand des DMB ein entsprechender Antrag der Fachgruppe auf der Frühjahrstagung zur Bestätigung vorgelegt werden. Die Tagung fand mit den Exkursionen (1) zu Dom, Residenz und Naturkundemuseum Bamberg sowie (2) zum fürstbischöflichen Schloss Seehof, zum Bauernhausmuseum Frensdorf (letzter Bauabschnitt) sowie zum Levi-Strauss (Jeans)-Museum Buttenheim (2001) ihren praxisorientierten Abschluss, bei dem der Gedankenaustausch mit den Kolleginnen vor Ort im Vordergrund stand.
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