Glossar Museen in der Migrationsgesellschaft

Leitfaden.
MUseen in der Migrationsgesellschaft
Glossar
Das folgende Glossar bündelt wichtige Fachbegriffe, die im Leitfaden genutzt werden und definiert diese entsprechen ihrer Verwendung in der Publikation. Zur Vertiefung eignen sich insbesondere das umfangreiche Glossar der Neuen Deutsche Medienmacher sowie das vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück redaktionell betreute Inventar der Migrationsbegriffe.
Audience Development
Strategische Entwicklung zur Erschließung eines neuen Publikums für Kultureinrichtungen. Gearbeitet wird mit Ansätzen aus dem Kulturmarketing, der Kultur-PR, der Kunstvermittlung u. a., um gezielt kulturelle Angebote für unterschiedliche Zielgruppen zu entwickeln, zu kommunizieren und zu vermitteln.
BiPoC, Black, Indigenous, People of Color
Der Begriff „People of Color“ wurde ursprünglich in den 1960er Jahren durch die Bürgerrechtsbewegung in den USA geprägt. Erst Mitte der 1990er kam der Begriff in Deutschland an. Black, Indigenous and People of Color, kurz BiPoC, sind Selbstbezeichnungen von Personen und Gruppen, die Rassismus als geteilte Erfahrungen haben. Dieser kann als Gewalt, Abwertung, Stigmatisierung, Exklusion, Geringschätzung, Fremdbezeichnung, Fremdzuschreibung und als Vorurteil erfahren worden sein. Begrifflichkeiten wie Schwarz, weiß oder PoC benennen keine Hautfarbe, sondern Machtverhältnisse und Rassismus in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft.
People of Color (Singular Person of Color) ist ein Begriff, der für Personen steht, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich zudem selbst nicht so definieren würden. Explizit umfasst der Begriff Black also Schwarze Menschen mit Rassismuserfahrungen. Mit Indigenous wird eine ebenfalls heterogene Gruppe von Menschen miteingeschlossen. Sie fühlt sich durch die Ortsverbundenheit und eine historische Kontinuität sowie koloniale Gewalterfahrungen verbunden. Während der Begriff BiPoC sich als Selbstbezeichnung im rassismuskritischen Diskurs etabliert hat, gibt es auch Kritiker, denn der Begriff umfasst weiterhin sehr heterogene Gruppen und vermag nicht zu differenzieren.
Communitys
Der Begriff „Community“ bedeutet soviel wie Gemeinde oder Gemeinschaft. Communitys bestehen aus handelnden Individuen, die sich einer oder mehreren gesellschaftlichen Gruppen zugehörig fühlen. Die Verbundenheit entsteht zum Beispiel durch gemeinsame Werte, Ziele oder Interessen. Communitys bieten einen Raum des Austausches, der Unterstützung und auch der Selbstwirksamkeit und arbeiten teils aktiv daran, ihre Interessen zu vertreten sowie gesellschaftlich, sozial und politisch Einfluss zu nehmen.
Im migrationsgesellschaftlichen Kontext sind Erfahrungen wie zum Beispiel Flucht, Diskriminierung oder Herkunft verbindende Merkmale. Diversitätsorientiert zählen unter anderem auch Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion, Sprache, sexuelle Orientierung und Behinderungen dazu. Wer zur Community gehört bzw. gehören kann, ist eine prozesshafte Aushandlungssache.
Obwohl Communitys darauf abzielen, sichere Räume, Austausch und Zugehörigkeit zu schaffen, können auch sie Ausschlussmechanismen reproduzieren, zum Beispiel dann, wenn andere Personen aufgrund von oben genannten Merkmalen ausgeschlossen werden.
Community Work
Die „Community Work“ oder „Community-Outreach“ bezeichnet die Zusammenarbeit von Museen mit lokalen oder thematisch verbundenen Communitys. Ziel ist die Einbindung vielfältiger Perspektiven – insbesondere von marginalisierten Gruppen – in die museale Arbeit und die Öffnung der Museen zu Orten der gesellschaftlichen Aushandlung und Teilhabe.
Die Community Work ist eng mit Partizipation und Outreach verbunden. Fragen nach Entscheidungsmacht und Verantwortung sind wesentlich: Wer bestimmt, was ausgestellt wird? Wer entscheidet im Projekt über Ressourcen, Inhalte und Repräsentation?
Hier setzt auch die Kritik an der Community Work an, die Fragen nach echter Mitbestimmung, Instrumentalisierung, Arbeitskraftbeschaffung und Nachhaltigkeit sowie zur Vermeidung von bloßer Symbolpolitik aufwirft.
Diversität
Diversität meint Vielgestaltigkeit und Differenz von Lebenskonzepten. Das Konzept der Diversität beinhaltet die Wertschätzung jeder Unterschiedlichkeit, etwa in Bezug auf kulturelle und ethnische Hintergründe, Sexualität, Glauben und Lebensstile.
Diversitätsorientierte Organisationsentwicklung
Organisationen, die diversitätsorientiert handeln, zielen darauf ab, Chancengleichheit zu erhöhen und Diskriminierungen abzubauen. Verschiedenheit und Gleichheit sollen durch die Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt hergestellt werden. Sechs Kernbereiche stehen im Mittelpunkt der diversitätsorientierten Organisationsentwicklung: Alter, Behinderung, Ethnizität/Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung und sexuelle Orientierung. Organisationen, die sich diversitätsorientiert aufstellen, setzen sich mit inneren Prozessen und (Macht-)Strukturen auseinander, indem sie diese beleuchten, sichtbar machen und hinterfragen. Die diversitätsorientierte Organisationsentwicklung zielt darauf ab, ein Bewusstsein für die Rollen und Machtpositionen zu schaffen, aus denen heraus Personen oder Gruppen handeln und miteinander interagieren.
Einwanderungsgesellschaft
Der Begriff bezeichnet eine Gesellschaft, die von Zu- und Einwanderung geprägt ist und diese als gesellschaftlich konstitutiv anerkennt. In Deutschland wird der Begriff erst seit den 2000er Jahren zur Beschreibung der Bundesrepublik genutzt. Der faktisch schon seit Gründung der Bundesrepublik vorhandene Status als Einwanderungsland wurde zuvor bewusst vermieden, teils strikt abgelehnt. Kritiker*innen weisen darauf hin, dass der Begriff Einwanderungsgesellschaft Komplexität und Einfluss der Migration sprachlich verkürze. Sie sprechen sich für den Begriff der Migrationsgesellschaft aus, da dieser auch Binnen- oder Pendelwanderung sowie das Abwandern und die damit verbundenen gesellschaftlich-konstitutiven Prägungen miteinbezieht.
Exotismus
Meint die Zurschaustellung von Schwarzen Menschen und BIPoC oder anderen Menschen, die nicht der weißen „Norm“ entsprechen, aufgrund ihrer „Andersartigkeit“. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Völkerschauen, die zwischen 1870 und 1940 in deutschen Zoos stattfanden. Der Exotismus ist eine eurozentristische und weiße Position, die als rassistische Sichtweise auf das „Fremde“ beschrieben werden kann.
Generationen
Die Beschäftigung mit Migration führt unausweichlich zur Betrachtung von unterschiedlichen Generationen. Denn die eigene Migrationsgeschichte ist häufig mit einer oder mehreren Nachfolgegenerationen oder vorangegangenen Generationen verknüpft. Entweder, weil Eltern oder Großeltern eingewandert sind, oder weil zukünftige Generationen Teil der Migrationsmotivation waren bzw. sind.
Diejenigen, die als Erste aus ihrer Familie migriert sind, werden entsprechend als erste Generation bezeichnet. Sie haben aktiv ihr Geburts- oder Ursprungsland verlassen und sind in ein anderes migriert. Die zweite Generation bezeichnet Personen, die keine bewusste Entscheidung zur Migration getroffen haben. Es sind die Kinder der Erstausgewanderten, die entweder im Kindesalter nachgeholt oder schon im Zielland geboren wurden. Die dritte Generation ist im Regelfall bereits im Zielland der ersten Generation, also der Großeltern, geboren worden. Angehörige dieser Generation haben einen Migrationshintergrund, sind aber nicht selbst migriert oder haben eine aktive Entscheidung für die Migration getroffen. Die vierte Generation ist aus Sicht der ersten Generation die der Urenkel. Sprache und Kultur sind hier teils bereits verloren, und auch das Wissen über die Migration der ersten Generation nimmt weiter ab. Es ist sinnvoll, die unterschiedlichen Generationen kenntlich zu machen und voneinander zu unterscheiden. Denn sie teilen zwar Erfahrungswelten miteinander, haben jedoch auch ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus musealer Perspektive zu betrachten und zu beachten sind.
Inklusion
Gleiches Recht auf soziale und kulturelle Teilhabe für alle Bevölkerungsgruppen wird als Inklusion bezeichnet. Individuen werden in ihrer Besonderheit wahrgenommen, ohne die Erwartung, dass sie sich einer vermeintlichen Normalität anzugleichen haben. Kulturelle und körperliche Diversität wird dabei als selbstverständliche Tatsache der heutigen Gesellschaften angesehen. Daher ist es Aufgabe aller, barrierefreie Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe zu schaffen.
Integration
Als zentraler Begriff in öffentlichen und politischen Debatten über Migration wird Integration oft einseitig als eine Anpassungsleistung von Zugewanderten an eine vermeintlich homogene oder dominante Kultur (auch Leitkultur) gefordert. Dementsprechend wird “Integration” mittlerweile von Vielen als ein Disziplinierungsbegriff abgelehnt, da er Zuwanderung als Problem und Migrant*innen als die mehr oder weniger anpassungsfähigen Anderen darstellt. Der Bildungs- und Migrationsforscher Aladin El- Mafaalani hat unter dem Stichwort “Integrationsparadox” darauf hingewiesen, dass gelungene gesellschaftliche Teilnahme und demokratische Mitbestimmung eher mit einer Zunahme von formulierten Interessensgegensätzen und konflikthaften Aushandlungsprozessen einhergehen. Integration ist also nicht die Herstellung einer harmonischen und konfliktfreien neuen Einheit, sondern ein Prozess, der auf der Grundlage gemeinsamer Werte zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe mit allen Rechten und Pflichten führt, ohne dass damit der Zwang zur Aufgabe einer eigenen ethnischen, kulturellen oder religiösen Identität verbunden ist.
Kulturelle Vielfalt
Der Begriff beschreibt die Existenz verschiedener kultureller Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. Vielfalt meint dabei Unterschiedlichkeit und Mannigfaltigkeit zugleich, Gruppenzugehörigkeit auf der Basis von Sprache, Verhaltensnormen, Werten, Lebenszielen, Denkstilen oder Weltanschauungen. Die UNESCO und die EU sprechen sich in politischen Erklärungen gleichermaßen für den Erhalt kultureller Vielfalt sowie für kulturelle Dynamik und Entwicklung aus.
Marginalisierung
Mit diesem Ausdruck ist wörtlich „an den Rand drängen“ gemeint. Der Begriff weist demnach auf Personen hin, die aufgrund von bestimmten Merkmalen diskriminiert und ausgeschlossen werden. Diese können sich auf das Geschlecht, auf die Herkunft oder den Sozialstatus beziehen. Der Begriff beschreibt nicht nur Minderheiten, denn auch Frauen gelten als marginalisierte Gruppe.
Migration
Wanderungsbewegungen, die vorübergehend oder dauerhaft zu einer Veränderung des Lebensmittelpunktes von Individuen oder Gruppen führen, werden als Migration bezeichnet. Die Motivationen zur Migration reichen von freiwillig bis unfreiwillig, die Grenzen können fließend sein. Verschiedene Faktoren am Herkunfts- und am Zielort sowie persönliche Dispositionen können die Motivation prägen, z. B. wirtschaftlich, politisch, religiös, umweltbedingt oder familiär.
Die Formen der Migration umfassen grenzüberschreitende Wanderungen, innerterritoriale Wanderungen (Binnenmigration), Zuwanderungen (Immigration), Abwanderungen (Emigration) und Pendelmigration. Ebenso gibt es Menschen, die nach einiger Zeit zurück in ihr Herkunftsland ziehen, also re-migrieren. Entsprechend ihrer Migrationsform werden modellhaft fünf Typen von Migranten unterschieden, die sich gegenseitig nicht ausschließen: Den klassischen Idealtypus stellt der ‚immigrant‘ aus Sicht der Aufnahmegesellschaft bzw. der ‚emigrant‘ aus Sicht der ursprünglichen Heimatgesellschaft dar, welcher sich dauerhaft in der Aufnahmegesellschaft niederlässt. Wenn der Migrant nach Verlassen des Herkunftslandes wieder in dieses zurückkehrt, wird er als ‚return migrant‘ bezeichnet. Im Deutschen wird von Re-Migration gesprochen. Der Begriff fand in den 2020er Jahren jedoch eine politische und vor allem populistische Aufladung. Hier meint der Begriff Abschiebung und Ausweisung von Menschen mit Migrationsgeschichte nicht die freiwillige Rückkehr. Insbesondere der ‚recurrent migrant‘ hält Verbindungen zu seiner ursprünglichen Heimat aufrecht, da er diese nur gelegentlich oder für Saison-Zeiten für weniger als ein Jahr verlässt. Der ‚diaspora migrant‘ hält auch die Verbindung zum Herkunftsland aufrecht, ist jedoch nicht wirtschaftlich, sondern religiös, politisch oder von Organisationen motiviert. Der ‚transmigrant‘ bewegt sich aus wirtschaftlichen Gründen, z. B. als Manager*in oder Spezialist*in, u. U. über einen längeren, unbestimmten Zeitraum von Ort zu Ort und hat multidirektionale Beziehungen. Daher bilden sich neue plural-lokale soziale Strukturen oder Räume, d. h. die Teilnahme in verschiedenen sozialen Systemen ist über mehrere Orte verteilt.
Migrationshintergrund
Als Personen mit Migrationshintergrund gelten Menschen, die selbst oder deren Eltern nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurden. Nach der Definition des Statistischen Bundesamts von 2005 sind dies alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer*innen und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer*innen in Deutschland geborenen Elternteil. Der Begriff umfasst daher auch Spätaussiedler*innen und ihre Nachkommen.
Eine Kritik am Begriff Migrationshintergrund ist, dass er oft für die Untersuchung von Benachteiligung und Ungleichheiten verwendet wird und damit die mit ihm bezeichneten Personen stigmatisiert. Er ist teils zu einem problematisierenden Zuschreibungsbegriff geworden. Teils geht damit ein exklusives Denken einher, das die Bevölkerung – teils wertend – in unterschiedliche Gruppen teilt sowie Zugehörigkeiten und die gesellschaftliche Teilhabefähigkeit in Frage stellt. Alternativ haben sich daher folgende Begriffe entwickelt, die auf eine größere Differenzierung und den Abbau von Stigmatisierungen abzielen: Migrationsgeschichte, Migrationserfahrung, Menschen aus eingewanderten Familien oder Menschen mit internationaler (Familien-)Geschichte. 2022 hat das Statistische Bundesamt „Eingewanderte und ihre Nachkommen“ als neue Kategorie und Bezeichnung eingeführt.
Wird der Begriff genutzt, um Menschen zu bezeichnen, die Rassismus erfahren haben, muss kritisch angemerkt werden, dass der Begriff nur bedingt dazu geeignet ist. Denn es gibt viele Personen, die rassistische Diskriminierungserfahrungen machen, aber keinen Migrationshintergrund haben, darunter viele Schwarze Menschen oder Sinti*zze und Rom*nja.
Partizipation
Gesellschaftliche Teilhabe wird als Partizipation bezeichnet. Mit Bezug auf Museen skizziert die amerikanische Museologin Nina Simon das ‚participatory museum‘, in welchem Museumsmacher, Teilnehmer und Publikum in einem gerahmten und unterstützten Austausch stehen. Sie unterscheidet, je nachdem, in welcher Beziehung die Institution mit Teilnehmern und Publikum steht, wer in die Teilhabe eingebunden ist und wie viel Kontrolle an diese übertragen wird, unterschiedliche Grade der Partizipation: ‚contributory‘, ‚collaborative‘, ‚co-creative‘ und ‚hosted participation‘. Dabei können in flexibler Weise folgende Stufen durchlaufen werden: Erstens konsumiert der Besucher Inhalte, zweitens interagiert er damit, drittens setzt er die eigenen Interessen in Zusammenhang mit denen des weiteren institutionellen Publikums, viertens wird Kontakt mit konkreten anderen Besuchern und Museumsmitarbeitern hergestellt, die ähnliche Interessen und Aktivitäten teilen, fünftens wird die Institution als sozialer Ort mit bereicherndem Begegnungspotenzial angesehen. Anja Piontek hat in ihrer Studie „Museum und Partizipation“ das Modell weiter ausdifferenziert und dabei das bloße Zurverfügungstellen von Ressourcen (Hosting) als mangelnde Partizipation kritisiert.
Postkolonialismus
Mit Postkolonialismus, oder auch den ‚postcolonial studies‘, wird in der Regel ein interdisziplinärer, teilweise aktivistischer Forschungsansatz beschrieben, der sich mit den globalen Auswirkungen und Nachwirkungen des Kolonialismus auf Gesellschaften, Kulturen und Identitäten beschäftigt. Er analysiert, wie koloniale Machtstrukturen und Diskurse weiterhin das Denken und Handeln in ehemaligen Kolonien sowie im Globalen Norden prägen. Postkoloniale Theorien hinterfragen eurozentrische Perspektiven, beleuchten die Stimmen und Erfahrungen der kolonisierten Völker und setzen sich für Gerechtigkeit und Gleichheit ein. Dieser Ansatz ist entscheidend für das Verständnis von Rassismus, Identitätspolitik und der globalen Ungleichheit in der heutigen Welt. Ähnlich wie bei den Beschreibungen einer Epoche als „postmigrantisch“ oder „postmodern“ geht es nicht darum, das Ende des Kolonialismus zu beschreiben, sondern davon auszugehen, dass der Kolonialismus bis heute prägend für ökonomische und soziale Beziehungen ist.
Postmigrantisch
Mit der Beschreibung einer Gesellschaft, eines kulturellen Genres oder einer Institution als postmigrantisch wird auf deren vergangene und anhaltende Prägungen durch Migrationsbewegungen und Migrant*innen hingewiesen. Das „Post“ in postmigrantisch verweist auf die von Migration ausgelösten Veränderungen und die damit einhergehenden Aushandlungsprozesse in der Gegenwart. Geprägt wurde der Begriff vor allem von der Regisseurin Shermin Langhoff und ihrem „Postmigrantischen Theater“ sowie von der Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan und dem Erziehungswissenschaftler Erol Yıldız.
Das Konzept des Postmigrantischen erkennt Einwanderung als ein die Gesellschaft auf allen Ebenen prägendes Phänomen an. Migration wird hier nicht nur als eine individuelle Erfahrung angesehen, sondern auch als etwas, das kollektive Auswirkungen auf die sozialen, politischen und kulturellen Strukturen hat. Damit einher geht eine kritische Haltung, die traditionelle Vorstellungen von Migration hinterfragt und marginalisierte Wissensformen sowie Narrative, die oft in den Hintergrund gedrängt werden, beleuchtet. Diese Haltung schafft Raum für die Stimmen und Erfahrungen von Menschen, die selbst oder deren Vorfahren eingewandert sind und die mittlerweile integraler Bestandteil der Gesellschaft sind. Die postmigrantische Perspektive fordert eine umfassende Analyse der gesellschaftlichen Dynamiken, die über Integrationsdebatten hinausgeht. Sie bietet die Möglichkeit, die Komplexität der Identitäten und Erfahrungen von Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft zu würdigen und zu verstehen. In diesem Sinne wird „postmigrantisch“ nicht nur als ein Begriff, sondern auch als eine Haltung verstanden, die eine inklusive und gerechte Gesellschaft anstrebt, in der alle Stimmen gehört werden und in der Vielfalt als Bereicherung angesehen wird.
Rassismus
Rassismus bezeichnet eine historisch entstandene Ideologie sowie eine gesellschaftliche Machtstruktur. Dabei werden Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener körperlicher, kultureller, ethnischer oder religiöser Merkmale in Gruppen eingeteilt, auf diese Merkmale reduziert und in eine Rangordnung gebracht. Diese Kategorisierung dient dazu, Ungleichheit, Ausschluss und Gewalt zu rechtfertigen sowie ungleiche Zugänge zu Ressourcen, Rechten, Repräsentation und gesellschaftlicher Teilhabe aufrechtzuerhalten.
Obwohl die Existenz biologischer „Menschenrassen” wissenschaftlich widerlegt ist, haben rassistische Wissensordnungen über Jahrhunderte hinweg die Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften geprägt. Sie dienten als Legitimationsgrundlage für Kolonialismus, Landraub, Versklavung, Ausbeutung und Genozide. Heute zeigt sich Rassismus nicht nur in individuellen Einstellungen und Handlungen, sondern auch in institutionellen Praktiken und strukturellen Verhältnissen.
Neben biologistischen Formen des Rassismus sind vor allem kulturrassistische Argumentationsmuster wirkmächtig. Sie konstruieren Differenz und Ungleichwertigkeit über vermeintlich unvereinbare kulturelle Zugehörigkeiten, ohne dabei auf biologische Merkmale zurückzugreifen. Rassismus wirkt somit auf symbolischer, sozialer und materieller Ebene und prägt den Alltag Betroffener durch Diskriminierung, Ausschlüsse und Mikroaggressionen.
Safer Spaces im Museum
„Safer Spaces“ sind Angebote, die geschütztere Räume bieten für marginalisierte Gruppen, z. B. Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Dies kann im Museum auf unterschiedliche Art und Weise funktionieren. BiPoC-only-Führungen, wie es sie inzwischen in verschiedenen Museen – meist im Kontext von Sonderausstellungen zu den Themen Rassismus oder (Post-)Kolonialismus – gibt, sind relativ leicht umzusetzen. Zu bedenken ist jedoch, dass diese Gruppe, wenn sie zu regulären Öffnungszeiten unterwegs ist, im Museumsraum sehr sichtbar ist und als Gruppe die Aufmerksamkeit von anderen Besuchenden auf sich ziehen kann. Der Museumsraum selbst ist hier in Bezug auf Rassismus kein sichererer Ort.
Soziales Milieu
Das Markt- und Sozialforschungsunternehmen Sinus Sociovision ermöglicht mit dem Modell der sozialen Milieus eine differenzierte Betrachtungsweise von Gruppen, die weit über die übliche Kategorisierung nach Bildungsgrad oder sozialer Herkunft hinausgeht. Das sogenannte Sinus-Milieu-Modell kombiniert Bildung und soziale Lage mit der Alltagswelt (Lebensauffassungen, Lebensweisen) und Grundorientierung von Werten (Tradition, Modernisierung/Individualisierung, Neuorientierung) der Menschen. Daraus ergeben sich soziale Milieus wie das traditionelle Milieu, die bürgerliche Mitte, das prekäre Milieu, das hedonistische Milieu, das adaptiv-pragmatische Milieu, das sozialökologische Milieu, das konservativ-etablierte Milieu, das liberal-intellektuelle Milieu, das Milieu der Performer oder das expeditive Milieu. Die nationale oder ethnische Herkunft und Identität spielen in den Milieus keine Rolle.
Tokenismus
Mit Tokenismus wird eine Praxis beschrieben, bei der marginalisierte oder unterrepräsentierte Einzelpersonen oder Gruppen in die Organisation oder Projektstruktur aufgenommen werden, um nach außen den Anschein von Vielfalt und Offenheit zu erzeugen. Damit erhalten die unterrepräsentierten Einzelpersonen eine Alibifunktion. Der Begriff leitet sich von „Token“ ab, was so viel wie „Symbol“ oder „Zeichen“ bedeutet.
Unconscious Bias
Unter dem Begriff „Unconscious Bias“ werden unbewusste, automatische Denk- und Wahrnehmungsprozesse verstanden, die Menschen dazu bringen, Vorurteile und stereotype Annahmen über andere zu entwickeln. In allen menschlichen Wahrnehmungs- und Urteilsprozessen existieren diese kognitiven Abkürzungen als Vereinfachungen, die es uns im Alltag ermöglichen, mit potenziellen Gefahren oder (neuen) sozialen Situationen umzugehen und handlungsfähig zu bleiben. Diese Vorurteile sind aber auch sehr fehleranfällig. Sie basieren oft auf sozialen Kategorien wie Geschlecht, Ethnie, Alter oder sozialer Herkunft und beeinflussen unsere individuellen Entscheidungen und Einschätzungen von Qualifikationen und Leistungen. Viele Studien haben belegt, dass durch diese Unconscious Bias Diskriminierungen entstehen. Insbesondere bei Personalentscheidungen oder der Bewertung von schulischen und außerschulischen Arbeitsleistungen kommt es dadurch oft zu ungewollt unfairen Urteilen, selbst wenn sich alle sicher sind, objektiv zu handeln. Auch in der Gesundheitsversorgung manifestiert sich diese unbewusste Voreingenommenheit oft in unsachlichen und unfairen Einschätzungen.
Die Auseinandersetzung mit den eigenen Unconscious Bias hilft dabei, Wahrnehmungs- und Urteilsprozesse kritisch zu hinterfragen und Diskriminierungen abzubauen.