Deutschland ist ein Einwanderungsland. Für rund ein Drittel der Bevölkerung gehören eine eigene Einwanderungserfahrung oder die der Eltern zur Lebenswirklichkeit. Gleichzeitig kennzeichnen vielfältige transnationale Lebensweisen und Identitäten unsere Gesellschaft. Viele Menschen – mit und ohne Migrationsgeschichte – fühlen sich in mehr als einem Land zuhause und gestalten ihr Leben an verschiedenen Orten. Diese Vielfalt von Mobilität und Migration sowie fortlaufende Migrationsbewegungen erfordern einen Perspektivwechsel: Weg von einem gradlinigen Modell von Einwanderung und Integration, hin zu einem postmigrantischen Verständnis, das die kontinuierlichen Veränderungen infolge von Migration in den Blick nimmt und aktiv mitgestaltet.
Vielfältige Herkünfte, Identitäten und Lebensweisen sind tragende Säulen unserer modernen Demokratie. Diversität verkörpert den demokratischen Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen und kann den sozialen Zusammenhalt sowie die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft gegen Extremismus stärken. Vielfältige Perspektiven eröffnen zudem innovativere und gerechtere Entscheidungsprozesse. Als Institutionen im Dienst der Gesellschaft haben Museen den Auftrag, diese Vielfalt sichtbar zu machen und unterschiedliche Perspektiven in ihre Arbeit einzubeziehen. Als Orte der Deutung und Vermittlung erzählen sie Geschichte(n), prägen kollektive Identitäten und entscheiden mit darüber, was als erinnerungswürdig gilt. Damit gestalten sie Narrative mit, die unsere Gesellschaft formen.
Für eine demokratische und zukunftsfähige Museumsarbeit müssen bislang marginalisierte Lebensrealitäten, Standorte und Perspektiven deutlich stärker als bisher in die Arbeit einbezogen werden. Starke Impulse setzte das Programm „360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“ der Kulturstiftung des Bundes, das über einen Zeitraum von vier Jahren Diversifizierungsprozesse in Museen, Theatern und Bibliotheken angestoßen und begleitet hat. Zahlreiche Museen unterschiedlicher Sparten und Größen haben zudem in den vergangenen Jahren Maßnahmen erprobt und Strategien entwickelt, um sich weiter für die plurale Gesellschaft zu öffnen und kulturelle Teilhabe breit zu ermöglichen.
Eine wichtige Grundlage bildet die ICOM-Museumsdefinition von 2022 als zentraler Bezugspunkt für die Arbeit von Museen weltweit. Gemäß der neuen Definition übernehmen Museen die Aufgabe, Diversität und Nachhaltigkeit aktiv zu fördern, partizipativ mit Communitys zusammenzuarbeiten und vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen. Der Deutsche Museumsbund hat mit der Neufassung der „Standards für Museen” 2023 zudem einen aktuellen Rahmen für die Grundwerte der Museumsarbeit gesetzt und dabei Vielstimmigkeit, Partizipation, Selbstreflexion sowie die demokratische Verantwortung der Museumsarbeit bestärkt.
Diversität und Migration als demokratischer Auftrag sind für den gesamten Museumssektor und für alle Mitarbeitenden relevant. Kulturpolitik und Träger sind aufgefordert, Vielfalt als Chance und Ressource wahrzunehmen und Museen bei ihrem Transformationsprozess hin zu mehr Vielfalt, Öffnung und Teilhabe aktiv zu unterstützen – auch in Zeiten knapper Kassen. Gerade jetzt, da Populismus und Demokratiefeindlichkeit auf dem Vormarsch sind, ist es umso wichtiger, Museen als demokratische Institutionen zu stärken und zukunftssicher aufzustellen.
Museen, die Vielfalt und Teilhabe konsequent als Querschnittsaufgabe für die gesamte Institution umsetzen, stärken Schritt für Schritt ihre Qualität und Relevanz – und werden zu anschluss- und zukunftsfähigen Institutionen. Der Leitfaden „Museen in der Migrationsgesellschaft“ unterstützt die Museen auf diesem Weg. Vor mehr als zehn Jahren hat der Deutsche Museumsbund die Erstausgabe unter dem Titel „Museen, Migration und kulturelle Vielfalt“ veröffentlicht – mit dem Ziel, für das Thema Migrationsgeschichte im Museum zu sensibilisieren und die Museen zu ermutigen, ihre Sammlungs-, Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit kritisch zu reflektieren.
Die Neufassung stellt die Anforderungen, welche an die Museen in der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft gestellt werden, in den Mittelpunkt und bietet praktische Unterstützung in der alltäglichen Museumsarbeit – sei es in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Migrationserfahrungen, in internationalen Bezügen, in der diversitätssensiblen Sammlungs- und Ausstellungsarbeit oder in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Dabei bildet Migration als wichtiger Faktor der diversen Gesellschaft die prägende Perspektive des Leitfadens. Zugleich ist Migration aber nur einer von vielen weiteren, gleichwertigen Aspekten der Diversität. Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft ist es, die Arbeit mit und für weitere diverse Gruppen im Museum sichtbar zu machen. Diesem Thema wird sich der Deutsche Museumsbund annehmen.
Der vorliegende Leitfaden ist das Ergebnis eines vierjährigen partizipativen und transparenten Arbeitsprozesses. Ein großer Dank gilt dem Arbeitskreis Migration im Deutschen Museumsbund, der die Überarbeitung der ersten Fassung angestoßen und als zentrales Fachgremium maßgeblich geprägt hat. Zudem haben mehr als 80 Museumsfachleute ihre Expertise in die Publikation eingebracht. Für die äußerst konstruktive Zusammenarbeit danke ich allen Beteiligten, die an der Entwicklung des Leitfadens mitgewirkt und die Arbeit kritisch begleitet haben.
Prof. Dr. Wiebke Ahrndt
Präsidentin des Deutschen Museumsbundes (DMB)