Museen sind… beweglich und arbeiten prozesshaft

Leitfaden.
MUseen in der Migrationsgesellschaft
Ein Museum in der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft ist… beweglich und arbeitet prozesshaft
Die ersten drei Kapitel dieses Leitfadens verdeutlichen, dass der zentrale Bezugspunkt der Museumsarbeit in einer diversen, von Migration geprägten Gesellschaft die Perspektiven, Erfahrungen und Bedürfnisse der Menschen sind. Sie ernst zu nehmen, ihnen Raum zu geben und Rechnung zu tragen, ist das gemeinsame Versprechen einer offenen, partizipativen und rassismuskritischen Museumsarbeit.
Um diesem Versprechen nachzukommen, braucht es Haltungen, Arbeitsweisen und Strukturen, die die nötige Anpassungsfähigkeit und Flexibilität bieten. Oft wird in diesem Zusammenhang von Agilität gesprochen; angesichts der verschiedenen Definitionen und Verwendungszusammenhänge, die hier in der Tiefe nicht erläutert werden können, wird in diesem Leitfaden der offenere Begriff „Beweglichkeit“ verwendet.
Warum brauchen wir bewegliche Institutionen?
Nur durch Beweglichkeit bleiben Museen anschlussfähig an eine dynamische Gesellschaft, in der sich die vielfältigen Sichtweisen, Erfahrungen und Bedürfnisse der Menschen kontinuierlich verändern. Museen brauchen die Fähigkeit, sich auf Prozesse einzulassen, deren Verlauf und Ergebnisse im Voraus nicht zuverlässig planbar sind. Kurskorrekturen können notwendig werden, Ergebnisse vom Erwarteten abweichen, Zeitpläne sich verschieben. Beweglichkeit im Denken und Handeln ist deshalb unverzichtbar.
Museen müssen sich bewusst machen, dass ihre Teams oft nicht die Diversität der Gesellschaft widerspiegeln und ihrer Arbeit daher wichtiges Wissen und Perspektiven fehlen. Die in Museen etablierten Regeln und Arbeitsweisen müssen dementsprechend hinterfragt werden, um auch marginalisierte Perspektiven einzubeziehen, die bisher wenig berücksichtigt wurden. Diese Veränderungen können nur gelingen, wenn nicht nur einzelne Projekte oder Mitarbeiter*innen eingesetzt werden, sondern die gesamten institutionellen Rahmenbedingungen angepasst werden.


Was macht ein bewegliches Museum aus?
Bewegliche Museen sind in der Lage, sich flexibel an neue gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen. Sie verfügen über die nötige Haltung sowie über Arbeitsweisen und Strukturen, um Impulse von außen aufzunehmen, zu integrieren und ihre Praxis entsprechend anzupassen. Sie entwickeln sich im kontinuierlichen Austausch mit der Gesellschaft weiter und nehmen unterschiedliche Perspektiven aktiv auf.
Dabei sind Dialog und Teilhabe zentrale Prinzipien. Bewegliche Museen treten in einen direkten Austausch mit verschiedensten Stakeholdern und beziehen sowohl ihr Publikum als auch verschiedene gesellschaftliche Gruppen ein. Die Inhalte und Formate entstehen nicht nur für, sondern mit den Menschen. Für diese Anschlussfähigkeit nach außen braucht es Beweglichkeit im Inneren. Dafür sind drei Aspekte wichtig:
Bereichsübergreifend arbeiten
Veränderungen in einem Aufgabenfeld im Museum wirken sich unmittelbar auf andere Bereiche aus und erfordern ein fortlaufendes Mitdenken und Anpassen im Gesamtprozess. Deshalb werden in beweglichen Museen Aufgaben wie Sammeln, Ausstellen oder Vermitteln nicht isoliert, sondern in ihren Überschneidungen und wechselseitigen Abhängigkeiten gedacht. Besonders in größeren Museen erfordert dies viel Austausch, Wissenstransfer und eine enge Zusammenarbeit im Team, die eine gemeinsame Ausrichtung und fortwährende Anpassung der Museumsarbeit ermöglicht.
Kontinuierliches Lernen ermöglichen
Bewegliche Museen sehen sich nicht als fertige Orte des Wissens, sondern als dynamische Räume des Lernens, Experimentierens und gemeinsamen Gestaltens. In diesen Räumen entwickeln sich Inhalte, Strukturen und Prozesse kontinuierlich weiter. Regeln und Verfahrensweisen werden regelmäßig hinterfragt. Eine gesunde Fehlerkultur ermöglicht es, Irrtümer als Lernchancen zu verstehen und kreative, mutige Wege zu gehen.
Gestaltungsspielräume nutzen
In beweglichen Museen gibt es viel Gestaltungsspielraum für die Mitarbeitenden. Dieser Raum entsteht, wenn nicht alles bis ins Detail vorgegeben ist. Mitarbeitende können auf diese Weise aktiv mitdenken, Ideen einbringen und Veränderungsprozesse mitgestalten. Flache Hierarchien unterstützen eigenverantwortliches Handeln, fördern eine transparente Kommunikation und die Bereitschaft, Verantwortung gemeinsam zu übernehmen. So entsteht ein Arbeitsumfeld, in dem individuelle Stärken zur Geltung kommen und innovative Ideen Platz finden können.
Führungskräfte tragen eine besondere Verantwortung, solche Prozesse in Gang zu setzen und zu ermöglichen. Gleichzeitig können auch alle anderen Mitarbeitenden in ihren Arbeitsbereichen konkrete Veränderungen anstoßen, Ideen einbringen und bestehende Strukturen weiterentwickeln. So können unterschiedliche Prozesse top-down bzw. bottom-up gestartet werden und sich gegenseitig verschränken.

Ausblick: Wandel gestalten
Die Veränderungsprozesse auf dem Weg zur beweglichen Institution können nicht Aufgabe einer einzelnen Person oder Abteilung sein, sondern müssen von allen Mitarbeitenden gemeinsam getragen werden. Denn über allen strukturellen Transformationen steht ein Wandel der Organisationskultur und des Selbstverständnisses der Mitarbeitenden gegenüber ihrer Institution, ihren Kolleg*innen und Zielgruppen.
Parallel zur Implementierung von beweglichen Prozessen und Methoden gilt es für Museen also, den Prozess der Transformation selbst zu reflektieren, damit er langfristig erfolgreich sein kann und einen nachhaltigen Wandel der Kultur auslöst.
