Museen sind… offen und zugänglich

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11.06.2022 / Klassik Stiftung Weimar / Sprachlabor / Sprachcafé / Foto: Henry Sowinski

Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Museen von ihrem Publikum als relevante Freizeit- und Bildungsorte wahrgenommen werden, ist, dass sich die Besucher*innen willkommen, angesprochen und als Individuen ernst genommen fühlen. In der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft begegnen Museen einem Publikum mit unterschiedlichen Erfahrungen, Sehgewohnheiten, kulturellen Prägungen sowie sprachlichen und sozialen Voraussetzungen. Nicht immer sind die Angebote der Museen auf diese vielfältigen Voraussetzungen passend ausgerichtet.  

Sprachliche und ökonomische Hürden, aber auch Wissens- und Informationsbarrieren, mangelnde Repräsentation, Diskriminierungserfahrungen sowie kulturelle und institutionelle Barrieren führen dazu, dass sich viele Menschen nicht von Museen angesprochen fühlen. Diese Barrieren und Ausschlüsse zu erkennen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und passende Maßnahmen zu ergreifen, um sie abzubauen, sind wichtige Schritte hin zu einem offenen und zugänglichen Museum. Museen öffnen damit ihr Publikumsspektrum und stoßen interne Entwicklungsprozesse an. Schritt für Schritt gewinnen sie auf diese Weise an Qualität und Relevanz für alle. 

Menschen mit Migrationsgeschichte sind keine homogene Gruppe. Es lassen sich daher keine allgemeingültigen, migrationsbedingten Barrieren benennen. Migrationsspezifische Erfahrungen greifen mit anderen Faktoren wie Bildung, sozialer Lage, Alter oder Geschlecht ineinander und beeinflussen Zugangs- und Teilhabechancen auf unterschiedliche Weise.  

Bei der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Voraussetzungen und Bedürfnissen ihres (Noch-nicht-)Publikums benötigen Museen zunehmend Blickwinkel und Kenntnisse, die sie nicht allein aus sich heraus einnehmen können. Vielmehr braucht es die Einbindung von und die Zusammenarbeit mit denjenigen Personen und Gruppen, die sie für sich gewinnen möchten – zum Beispiel Menschen mit Migrationserfahrungen und internationalen Perspektiven.  

Der Weg zu einem Museum, in dem sich alle Teile der Gesellschaft gesehen, gehört und wohlfühlen, ist ein offener Prozess. Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme: Welche Gruppen sind bisher unterrepräsentiert? Für wen könnten Zugänge verbessert werden? Wo bestehen Barrieren? Dabei werden auch strukturelle Voraussetzungen berücksichtigt: Trägerschaft, Personal, Budget und Gebäude bestimmen den Handlungsspielraum eines Museums und beeinflussen mögliche Veränderungen. 

Bei der Analyse der eigenen Institution und Arbeitsweise ist es nützlich, sich Hilfe von innen und außen zu suchen. Kritische Kommentare aus unterschiedlichen Perspektiven sind ein gutes Mittel, um Barrieren und Ausschlussmechanismen zu identifizieren und neue Möglichkeiten für Öffnung und bessere Zugänglichkeit zu erkennen. 

Das wissenschaftliche, kuratierende und vermittelnde Personal spiegelt nur in wenigen Museen die gesellschaftliche Vielfalt wider. Dadurch bleiben verschiedene Perspektiven, etwa in Bezug auf Migration oder Rassismus, ungesehen. Die Einbeziehung von Mitarbeitenden auf allen Ebenen kann helfen, unterschiedliche Erfahrungen sichtbar zu machen, mögliche Barrieren frühzeitig zu erkennen und neue Zugänge zu gestalten 

Befragung kritischer Freund*innen 

Über das Museumspersonal hinaus können gezielt Personen aus beruflichen oder persönlichen Netzwerken um Einschätzungen und Feedback gebeten werden. Auch Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen können – gegen angemessene Vergütung – ihre Perspektiven einbringen. Daraus können in vertrauensvoller Atmosphäre langfristig „kritische Freund*innen“ des Museums werden. 

Viele Museen werden bereits durch einen Freund*innenkreis oder einen (Fach-)Beirat unterstützt. Sie können mit einem informierten Blick von außen ungesehene Barrieren aufzeigen. In der Praxis hat sich die Gründung eines neuen oder zusätzlichen (Fach-)Beirats mit einer wissenschaftlichen, soziokulturellen, jugendlichen oder nachbarschaftlichen Expertise für die Geschichte und Gegenwart der Migrationsgesellschaft etabliert.  
Die Publikumsforschung und -evaluation bieten zusätzliche Möglichkeiten, um mehr über die Bedürfnisse des (Noch-nicht-)Publikums zu erfahren. Ausführliche Informationen bietet der Leitfaden „Hauptsache Publikum!“ des Deutschen Museumsbundes. 

Wie erreichen Museen unterschiedliche Gruppen und Menschen? 

Zum Abbau von Barrieren und dem Schaffen von Zugängen gibt es unterschiedliche Konzepte, die eng miteinander verzahnt sind. Zu den wichtigsten gehören im Fachdiskurs Outreach, Audience Development und Partizipation.

Outreach bezeichnet gezielte Aktivitäten der aufsuchenden Museumsarbeit. Outreach-Maßnahmen richten sich besonders an Menschen, die sich bisher nicht vom Museum angesprochen fühlten oder aus strukturellen Gründen keinen Zugang gefunden haben. Im Mittelpunkt stehen persönliche Begegnungen und die nachhaltige Zusammenarbeit mit neuen Partner*innen. Im Dialog können neue Perspektiven gefunden und bislang marginalisierten Gruppen eine Stimme gegeben werden. Im besten Fall führen diese Begegnungen zu mehr Multiperspektivität und neuen thematischen Zugängen, die die inhaltliche Ausrichtung des Museums verändern bzw. erweitern können.  

Audience Development fokussiert sich primär auf das Ansprechen, Gewinnen und Binden von Menschen, die bislang nicht Teil der Besuchenden sind. So soll die Zusammensetzung des Publikums nachhaltig verändert werden. Die Maßnahmen fallen schwerpunktmäßig in den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, der Kommunikation und des Marketings. Entsprechend müssen die Kommunikationskanäle an die betreffenden Zielgruppen, ihre Kulturnutzungsgewohnheiten, ihr Vorwissen sowie ihre Sprachgewohnheiten angepasst werden. 

Partizipation ermöglicht, Externe an der Gestaltung der Inhalte und Arbeitsstrukturen des Museums mitwirken und mitentscheiden zu lassen. Das beinhaltet auch die Bereitschaft, Entscheidungswege zu verändern und Macht zu teilen. Weitere Informationen dazu bietet das Kapitel „Ein Museum in der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft ist … partizipativ und multiperspektivisch“. In der Praxis kombinieren viele Museen heute unterschiedliche Herangehensweisen für ein offenes und zugängliches Museum in einem maßgeschneiderten, für ihr Haus passenden Weg. 

Zugänglichkeit beginnt lange vor dem eigentlichen Museumsbesuch. Ein offenes und zugängliches Museum handelt einladend und zugewandt vom ersten bis zum letzten Berührungspunkt mit den Besuchenden. Es wählt die Kommunikationskanäle, Sprache und Ausdrucksformen entsprechend den Gewohnheiten diverser Publika. Mit Barrieren, die sich durch die räumliche Lage, die Erreichbarkeit oder auch die Architektur des Museums ergeben, geht es bewusst um und mildert bzw. überbrückt sie durch geeignete Maßnahmen. Bei den formalen Bedingungen des Museumsbesuchs, wie z. B. Öffnungszeiten und Eintrittspreisen, berücksichtigt es die unterschiedlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten der Besuchenden. Das Museum arbeitet mit Multiplikator*innen zusammen, die Brücken zwischen Museum und unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen bauen. 

Die Gestaltung des Museums als einladender Aufenthaltsort ist ebenso wichtig wie seine Inhalte.  Wichtiges Ziel eines offenen und zugänglichen Museums ist es, dass sich die Menschen dort gerne aufhalten und wohlfühlen. Freundlichkeit und Wertschätzung im Umgang mit den Besuchenden sind dafür zentrale Voraussetzungen. Das Museum bietet ausreichend Sitzmöglichkeiten, Rückzugsorte und eine familienfreundliche Infrastruktur sowie die Möglichkeit, eigene Speisen mitzubringen. Die Gastronomie achtet in ihrem Angebot auf unterschiedliche Essensgewohnheiten und Speisevorschriften. Den Besuchenden wird die Navigation durch das Museum durch gut verständliche Orientierungshilfen mit international verständlichen Symbolen oder in verschiedenen Sprachen leicht gemacht. Persönliche Ansprechpersonen helfen, zwischen den Bedürfnissen von Besuchenden und Museum zu vermitteln und Regeln transparent und nachvollziehbar zu kommunizieren. Dabei ist es wichtig, sich mit unausgesprochenen Erwartungen und kulturellen Codes auf beiden Seiten auseinanderzusetzen.  

Multiperspektivische Inhalte und Formate 

Persönliche Anknüpfungspunkte und Interessen sind oft ausschlaggebend für den Zugang zu und die Relevanz von Museumsangeboten. Die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“ leitet Erlebnis und Erkenntnis vieler Museumsbesucher*innen. Multiperspektivität – also das bewusste Einbeziehen verschiedener Sichtweisen, Geschichten und Erfahrungen – ermöglicht es, die Komplexität der Gesellschaft abzubilden und neue Perspektiven zu eröffnen. Unterschiedliche Zugänge zu Wissen und Erfahrung – etwa durch partizipative Formate, kreative Vermittlungsmethoden, inklusive Sprache oder alternative Medienformate – schaffen Angebote, die viele unterschiedliche Menschen erreichen und berühren können. 

Damit die Potenziale eines offenen und zugänglichen Museums wirksam werden, muss die Öffnung über den Projektcharakter hinaus gedacht werden – als langfristiger, kontinuierlicher Prozess mit dem Ziel, dauerhafte und verlässliche Strukturen zu schaffen. Öffnungsprozesse benötigen eine klare strategische Ausrichtung, eine lernbereite Organisationskultur und die aktive Unterstützung der Leitungsebene. Weitere Informationen dazu bietet das Kapitel „Ein Museum in der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft ist …beweglich und arbeitet prozesshaft“. Mitarbeitende aus unterschiedlichen Aufgabenbereichen und Abteilungen werden in Planung und Umsetzung einbezogen. Beziehungen zu neuen Zielgruppen aufzubauen und zu pflegen, erfordert Zeit, Vertrauen und verbindliches Engagement. Nachhaltige Beziehungen entstehen durch stabile Teams und dauerhafte Strukturen.  

Offenheit über Entscheidungsprozesse, institutionelle Praktiken und die eigene Geschichte stärkt Vertrauen. Dazu gehört auch die kritische Reflexion eigener Strukturen, etwa durch rassismuskritische Arbeit, durch das Erkennen und Abbauen bestehender Vorurteile oder durch das Hinterfragen etablierter Deutungsmuster. 

Für die Mitarbeitenden ist Klarheit über den eigenen Handlungsspielraum wichtig – etwa zu finanziellen und personellen Ressourcen, Zuständigkeiten, Entscheidungswegen, Zugänglichkeit von Sammlungsbeständen und möglichen Kooperationsformen. Gemeinsame Vorhaben, wie etwa Ausstellungen oder Vermittlungsformate, benötigen eine frühzeitige Einbindung aller Beteiligten sowie Transparenz über institutionellen Rahmenbedingungen wie etwa Budgets, Zeitpläne oder Personalressourcen. 

Museumssammlungen sind für Menschen außerhalb der Museen oft nur schwer zugänglich. Ein Bewusstsein für die Sammlungsarbeit zu vermitteln, ist ein erster wichtiger Schritt hin zu einem offenen und zugänglichen Museum.  

Die Digitalisierung bietet große Potenziale für mehr Offenheit und Zugänglichkeit. Dabei kann die digitale Präsentation ausgewählter Exponate auf der Internetseite einen ersten Zugang ermöglichen. Mit Kontakt- oder Kommentarfunktionen und einer aktiven Ansprache können die Offenheit zum Dialog gezeigt und erste Schritte zur Partizipation unternommen werden. So können neue Perspektiven auf die Objekte gewonnen und Leerstellen in der Sammlung identifiziert werden. 

Eine diversitätsorientierte Revision, Ergänzung oder Erweiterung der Sammlung kann mit partizipativen Methoden und Outreach-Maßnahmen verknüpft werden. Einladungen zur Mitarbeit an der Sammlung in Form von Citizen Science, also die Generierung von Wissen durch Nicht-Wissenschaftler*innen, oder Sammlungsaktionen zur Erweiterung der Sammlung sind erprobte Formate. 

In der Sammlungspflege und Entwicklung stellen viele Museen höchste Anforderungen an die Wissenschaftlichkeit und Zuverlässigkeit. Mit einer Offenheit für Multiperspektivität kann die bestehende wissenschaftliche Klassifizierung und Taxonomie um diverse Erfahrungen und Kontextualisierungen bereichert werden. Die unterschiedlichen Grade der Information können in der Datenbankstruktur kenntlich gemacht werden. 

Ausstellungen sind die wichtigsten Kontaktzonen der Museen mit den Besuchenden. Während die Dauerausstellung langfristig die Bestände und Themen des Museums zeigt, bieten Wechselausstellungen gute Möglichkeiten, aktuelle Themen mit neuen Perspektiven zu präsentieren. 

Bestehende Dauerausstellungen können durch Hervorhebung, Austausch oder Ergänzung einzelner Objekte, durch die Änderung von Texten, das Hinzufügen von Kommentaren oder das Einfügen von Interventionen neue Zugänge eröffnen und damit neue Zugänge schaffen. Unterschiedliche Partizipationsformate können bei der Neukonzeption unterstützen. Sie ermöglichen gleichzeitig eine kritische Neubetrachtung und eine gemeinsame Gestaltung von vielfältigen inhaltlichen und praktischen Zugängen.  

Museen können sich mit Ausstellungsprojekten offen und zugänglich für Neues zeigen. Wechselausstellungen bieten die Möglichkeit, gezielt Gruppen oder Themen anzusprechen, die bisher unterrepräsentiert sind. So können Ausstellungen mit explizitem Bezug zu Migration und der diversen Gesellschaft vielfältige Anknüpfungspunkte bieten, neue Zugänge schaffen und neue Themen im Museum etablieren. Die bewusste Integration von Perspektiven der Migration und Diversität in den Wechselausstellungen stellt ein wichtiges Prinzip dar, um den Ansprüchen der gegenwärtigen Gesellschaft zu entsprechen. Durch Kooperationen und Co-Kreationen mit unterschiedlichen Partner*innen können neue Ausstellungsthemen entwickelt und vielfältige Sichtweisen auf die Themen gewonnen werden.  

Darüber hinaus bieten Sonderausstellungen im öffentlichen Raum die Möglichkeit, Themen und Arbeitsweisen zu den Menschen außerhalb des Museums zu bringen und neue Zugänge zum Museum anzubahnen. Die Ergebnisse von Ausstellungsprojekten sollten nach Ende der Ausstellung gemeinsam mit den Kooperationspartner*innen bilanziert werden, um die Erfahrungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sichern und sie für die weitere Arbeit und Entwicklung des Museums nutzen zu können.  

Bildung und Vermittlung bieten direkte Dialogmöglichkeiten mit den Nutzer*innen und Partner*innen des Museums. Um eine Öffnung und gute Zugänglichkeit des Museums zu erreichen, sollten bereits bei der Konzeption der Bildungs- und Vermittlungsarbeit externe Kooperationspartner*innen, Multiplikatoren oder diverse Gruppen außerhalb des Hauses mit einbezogen werden. Die dauerhafte Einbindung von Multiplikator*innen ist eine wichtige Grundlage für erfolgreiche und nachhaltige Bildungs- und Vermittlungsarbeit.  

Outreach-Projekte können den direkten Dialog mit dem Publikum außerhalb des Hauses suchen und mit einer Einladung zur Mitgestaltung der Programminhalte verbinden. Eine aufsuchende Bildungs- und Vermittlungsarbeit wird an den (sozialen/kulturellen) Orten des neuen Publikums entwickelt und umgesetzt, wie z. B. in Jugendzentren, Mehrgenerationenhäusern, Nachbarschaftstreffs, Elterncafés, in Communitys oder in Social-Media-Gruppen / digitalen Räumen. Sie ermöglicht die Selbstrepräsentation der entsprechenden Akteur*innen und integriert ihre Bedarfe und Perspektiven in das Bildungs- und Vermittlungsangebot. Eine solche aufsuchende Bildungs- und Vermittlungsarbeit erfordert Offenheit in Hinblick auf die zu erreichenden Ergebnisse und Sensibilität im Umgang mit den Partner*innen.  

Eine gelingende und nachhaltige Bildungs- und Vermittlungsarbeit, die Perspektiven von diversen Gruppen mit einbezieht, hinterfragt die Praxis und Inhalte der bisherigen Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Sie nutzt Evaluationen bzw. Nicht-Besucher*innen-Studien und fragt danach, wer mit dem bisherigen Bildungs- und Vermittlungsangebot erreicht wurde und wer noch nicht erreicht wurde. Benötigt werden Bildungs- und Vermittlungsteams, die den Bedarfen der Zielgruppe gerecht werden können. Zentrale Kompetenzen sind dabei Erfahrungen mit Jugendarbeit, interkulturelles Arbeiten sowie Mehrsprachigkeit.