Museen sind… partizipativ und multiperspektivisch

Leitfaden.
MUseen in der Migrationsgesellschaft
MARKK 1000 Töpfe, Foto: Paul Schimweg
Ein Museum in der diversen, von Migration geprägten Gesellschaft ist… partizipativ und multiperspektivisch
Warum arbeiten Museen partizipativ?
Partizipatives Arbeiten spielt eine Schlüsselrolle, um Multiperspektivität im Sinne der Repräsentation von gesellschaftlicher Vielfalt zu ermöglichen: Partizipation dient dazu, Barrieren, Hemmschwellen und Ängste abzubauen und eine Brücke zwischen Gesellschaft und Museum zu schlagen. Sie wirkt sowohl als Ergänzung als auch als Korrektiv zu vorhandenen Inhalten, Erzählungen und Forschungsständen.
Partizipation kann hilfreich sein, um die Perspektiven der Mitarbeiter*innen eines Museums gesellschaftlich zu erweitern. Partizipative Ansätze können zudem dabei helfen, neue Besucher*innengruppen zu erschließen und die gesellschaftliche Relevanz musealer Arbeit sichtbar, erfahrbar und nachvollziehbar zu machen. Durch das Angebot zur Partizipation schaffen Museen Möglichkeiten, mit Menschen in Verbindung zu treten, mit denen sie (noch) nicht in Kontakt stehen: Objekte, Installationen und darauf abgestimmte partizipative Angebote werden zum sozialen Medium. Sie schaffen Anlass zum Gespräch, das sich im Museum um politisch und gesellschaftlich relevante Themen drehen kann.
Im besten Fall generiert Partizipation neues Wissen und ermöglicht es, neue gesellschaftsrelevante Fragestellungen zu entdecken. Das Museum lernt dabei, Deutungshoheit – und damit auch Macht – abzugeben bzw. zu teilen, und wird zu einer Plattform für verschiedene Perspektiven, Zugänge und Erzählweisen. Nicht zuletzt fördert Partizipation Aushandlungsprozesse und bildet damit einen wesentlichen Baustein des demokratischen Miteinanders.


Was ist Partizipation?
Partizipation meint grundsätzlich einen Beteiligungsprozess am musealen Arbeiten. In der Kultur- und Museumslandschaft werden verschiedene Konzepte von Partizipation diskutiert. Kleinster gemeinsamer Nenner ist dabei ein Verständnis von Partizipation als Teilhabe bzw. Teilnahme externer Personen an musealen Projekten. Nach Nina Simon können vier Typen von Beteiligungsmöglichkeiten unterschieden werden: “Contribution”, “Collaboration”, “Co-Creation” und “Hosting”. Je nach Typ teilt das Museum mehr oder weniger Deutungshoheit, Macht und Einfluss – je offener die Beteiligung, desto mehr Einflussmöglichkeiten bestehen seitens der Teilnehmenden.
Anja Piontek hat praxisorientiert das Modell der Partizipation um wesentliche Handlungs- und Wirkungsdimensionen erweitert. Trotz unterschiedlicher Öffnungsgrade und Einflussmöglichkeiten geht mit den verschiedenen Formen von Partizipation keine hierarchische Wertung einher: Sie sind nicht als vier Schritte auf dem Weg zur maximalen Partizipation und damit Multiperspektivität zu verstehen. Vielmehr bietet jeder Typ abhängig von den Projektzielen, der Zusammensetzung einer Gruppe und den Rahmenbedingungen oder auch Erfahrungen der Institution unterschiedliche Ansätze, Beteiligung zu ermöglichen. Welches Angebot für wen, wann und bei welcher Fragestellung in Bezug auf welches Projekt unterbreitet wird, gilt es entsprechend auszuwählen.
Insbesondere das Hosting stellt nicht immer eine partizipative Praxis dar. Denn die kostenfreie Überlassung von musealen Räumlichkeiten geht nicht automatisch mit einer nachhaltigen und das Museum verändernden Zusammenarbeit einher. Es ist in solchen Fällen vielmehr eine Form der Unterstützung zur Selbstorganisation. Die gastgebenden Institutionen müssen dabei nicht zwingend im engen Austausch mit den eingeladenen Gruppen stehen. Hier kann ein Nebeneinander statt ein Miteinander entstehen.

Wie setzen Museen Partizipation um?
Die Frage, wie intensiv Partizipation praktiziert werden soll, muss jede Einrichtung für sich selbst herausfinden und ausloten. Wichtig ist dabei der Blick auf die Vorbedingungen, z. B. Personal, Zeit und Finanzen, sowie auf das spezifische Projekt und dessen Anforderungen. Dabei ist eine ehrliche und realistische Abwägung von Zielen, Ressourcen und Interessen unerlässlich. Die Checkliste „Ein partizipatives Projekt entwickeln“ stellt die wichtigsten Punkte für ein partizipatives Projekt zusammen.
Museumsmitarbeitende sollten sich klarmachen, dass nicht nur sie selbst, sondern auch die (potenziellen) Teilnehmer*innen partizipativer Projekte spezifische Vorstellungen, eigene Interessen und möglicherweise auch eine politische Agenda haben. Der Aufwand und die Expertise, die externe Beteiligte leisten und mitbringen, sollte immer mitbudgetiert und vergütet werden. Langfristiges Ziel ist es, aus projektbezogener Partizipation ein strukturelles und methodisches Prinzip zu machen. Ein erstes Projekt bzw. ein erstes Grundsatzkonzept für partizipatives Arbeiten ist jedoch ein guter Start, um einen langfristigen und nachhaltigen Prozess zu beginnen.
Bereits kleinere Projekte eignen sich auch für einen ersten Versuch und wichtige Lernprozesse von allen Beteiligten. Die Vielfalt der Themen und Partner*innen, aber auch die Heterogenität der Museen erfordern für jedes Projekt eigene Lösungen. Anpassungen und Weiterentwicklungen sollten in jedem partizipativ angelegten Projekt Raum bekommen – auch innerhalb des Umsetzungsprozesses. Hier gilt es, Mut für Neues zu zeigen und das Projekt prozesshaft und ergebnisoffen zu denken. Partizipation benötigt also ein gewisses Maß an Freiheit und Flexibilität, auch wenn es grundsätzliche Rahmenbedingungen gibt, die es abzustecken gilt. Reflexions- und Anpassungsbesprechungen sind damit fester Bestandteil eines Zeit- bzw. Projektplans.
Partizipation braucht Mut
Mut zur Partizipation! Dies darf in jedem Fall das Credo sein – denn Partizipation bedeutet die Chance, Wissen und Macht zu teilen, neue Dialogfelder zu eröffnen und bislang marginalisierten Communitys, aber auch einzelnen Personen kulturell-historische Repräsentations- und Teilhabemöglichkeiten zu geben. Erfolg ist dabei relativ, denn erst einmal geht es darum, das Museum grundsätzlich weiter zu öffnen und Begegnungen zu schaffen. Sowohl das Museum als auch die Partizipierenden begeben sich dabei in einen offenen Prozess, an dessen Ende neue Erfahrungen und Erkenntnisse stehen, die alle Beteiligten bereichern und neue Blickwinkel auf den jeweils anderen ermöglichen.
Für den Einstieg in partizipatives Arbeiten hilft es, einige der genannten Rahmenbedingungen zunächst „einfach“ zu halten. Dies bedeutet einerseits, einen klaren Rahmen für den Prozess vorzugeben, etwa durch eine klare Zielsetzung. Andererseits helfen ein guter Zeitplan und ein überschaubares Zeitfenster dabei, Ergebnisse schneller sichtbar zu machen und Prozesse anpassen zu können. Schließlich macht es Freude und gibt Sicherheit, mit einem Personenkreis zu starten, der bereits mit dem Museum verbunden ist und mit dem bereits ein gemeinsames Arbeiten erprobt wurde.
Partizipation braucht klare Absprachen
Partizipation birgt zugleich Chancen und Risiken: Sie kann die Beziehungsarbeit eines Museums nachhaltig positiv, aber auch negativ beeinflussen und auch an möglichen Konflikten scheitern. Etwaige Regeln, ein Code of Conduct und Rahmenbedingungen des Museums sollten deshalb vorab erläutert und erklärt werden. Über die verschiedenen Interessen und Interessenskonflikte gilt es offen zu reflektieren, um gemeinsam Zielsetzungen zu formulieren. Die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit kann dann gemeinsam ausgehandelt und in Form von Vereinbarungen festgehalten werden. Diese können sich auf unterschiedliche Teilbereiche beziehen.
Bei einer Zusammenarbeit kann es zu unterschiedlichen Meinungen, Sichtweisen, Haltungen und auch Handlungsempfehlungen kommen, die einen Aushandlungsprozess erfordern. Dieser beinhaltet einen regelmäßigen Austausch, Evaluationen und Prozessanpassungen. Konflikte über unterschiedliche Sichtweisen können durchaus fruchtbar sein, wenn sie auf demokratische und wertschätzende Weise ausgetragen werden. Dies gelingt umso besser, wenn durch kontinuierliche partizipative Arbeit dauerhafte Beziehungen zwischen dem Museum und seinen vielfältigen Nutzer*innen-Communitys entstanden sind. In manchen Fällen ist eine externe Prozessbegleitung durch Mediator*innen zu empfehlen. Im Idealfall kann Partizipation auch zur Verbesserung von Strukturen und Prozessen der musealen Arbeit führen.
Partizipation braucht Vertrauen und Zeit
Bei jeglicher Form von Partizipation spielt das Thema Vertrauen eine besondere Rolle. Schon die Ansprache der unterschiedlichen Gruppen, also die Einladung zur Mitgestaltung, kann Türen öffnen – oder verschließen. Viele potenzielle Partner*innen haben mit öffentlichen bzw. staatlichen Einrichtungen schlechte Erfahrungen gemacht. Deshalb können sie einer Teilnahme mit Ängsten, Sorgen und negativen Vorstellungen begegnen.
Das Angebot zur Partizipation bedeutet daher häufig zunächst Beziehungs- und Vertrauensaufbau sowie gleichzeitig Abbau von Zugangshürden. Institutionen müssen Barrieren identifizieren, die es bestimmten Partner*innen erschweren, Teilhabe auszuüben. Dies können etwa Sprachbarrieren sein, aber auch physische, psychische oder soziale Barrieren. Es ist wichtig, gut informiert zu sein und passende Ansprechpartner*innen zu finden, die einerseits helfen, Zugang zu den entsprechenden Gruppen zu finden, und andererseits als Mittler*innen und Brücke fungieren können.
Eine der Hauptaufgaben der einladenden Institution ist es, Sicherheit zu bieten und Mut zum Mitmachen und Dranbleiben zu schenken. Es gilt daher, die Zusammenarbeit für alle Beteiligten nachvollziehbar und angenehm zu gestalten. Ein wertschätzendes Einführen in Methoden und Arbeitsweisen des Museums und ein gutes Zeitmanagement ohne Druck helfen dabei, das angestrebte Ziel gemeinsam und auf Augenhöhe erreichen zu können.
Partizipation: vom Outreach zum Inreach
Die Öffnung nach außen verändert die Institution Museum meist auch langfristig nach innen. Bestehende Strukturen werden durch neue partizipative Konzepte herausgefordert und hinterfragt. Innerhalb der Institution kommt es zu neuem Austausch, neuen Kontakten und dem Abbau von Barrieren bzw. zu einem Aushandlungsprozess darüber. Abteilungen und Bereiche, die sich nur in bestimmten Arbeitskontexten begegnen, können sich durch Partizipation neu kennenlernen. Dabei lernen sie unter anderem, die Arbeits-, Denk- und Handlungsweisen des anderen besser zu verstehen und einzuschätzen. Dies kann langfristig zu einer besseren und wertschätzenden Zusammenarbeit führen.
Schließlich gilt es auch, nach innen Partizipation zu ermöglichen und damit Transparenz und Mitsprache für Museumsmitarbeitende zu erhöhen. Partizipation an Entscheidungsprozessen führt zu neuen kreativen Ideen, Problemlösungen und Fragestellungen. Zudem schafft die verstärkte Beteiligung der Museumsmitarbeitenden an unterschiedlichen Arbeitsschritten Zufriedenheit und Vertrauen – beides Garanten für ein kreatives und dauerhaftes Arbeiten. Langfristig lassen sich dadurch teils starre und hierarchische Museumsstrukturen aufweichen bzw. demokratisieren.

Museale ArbeitsFelder
Sammeln und Forschen
Bestehende Sammlungen können von Expert*innen unter neuen Fragestellungen analysiert, Sammlungslücken identifiziert und mit externer Hilfe geschlossen werden. Vielerorts existiert bereits eine lebendige Erinnerungskultur im Bereich der Migrationsgeschichte. Zivilgesellschaftliche Gruppen haben Sammlungen zum Thema Migration angelegt. Aber auch unorganisierte Personen aus dem Umfeld des Museums können für konkrete Themen und Projekte als Informationsgeber*innen und Schenker*innen gewonnen werden.
Expertise von Alltags-Expert*innen fruchtbar machen
Durch Citizen Science und Story Mining wie Oral History, Erzählcafés oder offene Sammlungsaufrufe können Museen Interessierte aus ihrem Umfeld stärker einbeziehen und langfristig Interesse für Inhalte des Museums wecken. Ebenso können die hier gesammelten Geschichten eine Ergänzung zu anderen Quellen darstellen und wiederum zu weiterführenden Forschungen anregen. Externe können als Expert*innen, etwa bei der Inventarisierung, Verschlagwortung oder Digitalisierung von Objekten, ihr Wissen einbringen. So werden nicht nur die fachlichen Expertisen, sondern auch die der Teilnehmenden genutzt.
Insbesondere bei der Frage, wie Museen mit rassistischen Darstellungen und mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten umgehen sollten, spielen Partizipation und Dialog eine wesentliche Rolle. Museen profitieren hier vom Kontakt zu (Alltags-)Expert*innen der Herkunftsgesellschaften sowie zur einheimischen Bevölkerung mit Rassismus- und/oder Migrationserfahrungen. Ausführliche Informationen bieten hier die Leitfäden „Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ sowie „Umgang mit menschlichen Überresten“ des Deutschen Museumsbundes.
Ausstellen und Vermitteln
Der Bereich Ausstellung eignet sich in besonderem Maße für unterschiedliche Formen der Partizipation. Das Museumsteam kann hier seine kuratorische und organisatorische Expertise einbringen und teilen. Es strukturiert den Prozess, indem es die Co-Kurator*innen dabei unterstützt, ihre Ideen professionell umzusetzen; diese bringen ihr Wissen über ihre Lebenswelten ein. Dies verändert Perspektiven und fördert neue Narrative. Grundlage ist dabei immer eine transparente Kommunikation der Rollenverteilung, des Museumsverständnisses und die Festlegung gemeinsam verhandelter Vereinbarungen. Weitere Informationen zu entsprechenden Vereinbarungen bietet die Checkliste „Klare Absprachen für Partizipation treffen“.
Insbesondere in partizipativ erarbeiteten Ausstellungen, aber auch bei Themenführungen ist es wichtig, mit Vermittlungspersonal zu arbeiten, das die Arbeitsweisen, Beteiligungsformen und Entstehungszusammenhänge kennt. Partizipation kann auch genutzt werden, um gemeinsam neue Vermittlungsangebote zu entwickeln – denn auch hier sind die Perspektiven von Betroffenen und Beteiligten unabdinglich. Dies gilt bei der Entwicklung von unterschiedlichen Vermittlungsformaten in Ausstellungen, z. B. bei Spielen, Medien, Hör- oder interaktiven Stationen, aber auch im Programm, z. B. bei Führungen, Audioguides oder didaktischen Materialien. Über aktivierende und partizipative Elemente in der Ausstellung sowie mithilfe von Besucherforschung und Evaluationen können Besuchende ihre unterschiedlichen Sichtweisen ebenfalls einbringen. Ausstellungen und Vermittlungsangebote werden so kontinuierlich weiterentwickelt, um Vielfalt bereichert oder müssen – wenn für notwendig befunden – neu konzipiert werden.