Tagungsbericht: Wo geht’s lang? Besucher:innen lenken in Ausstellungen

28.9.2025 im LEIZA: Leibniz-Forschungs-Zentrum für Archäologie, Mainz

Bericht der Herbsttagung des Arbeitskreises Bildung und Vermittlung in Kooperation mit dem Arbeitskreis Ausstellungen von Sophia Blanke, Nina Görlich und Lena Kittel

Eine Transportkiste aus Holz mit der Beschriftung "Wegweisend" und ein rotes Symbol einer Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. Auf dem Boden ist angeschnitten ein Blindenleitsystem zu erkennen.

Wie können Publikumsströme gemessen und gelenkt werden, um Ausstellungs- und Vermittlungsziele erfolgreich umzusetzen? Dieser Frage ging die Herbsttagung des Arbeitskreises Bildung und Vermittlung im Deutschen Museumsbund am 27. September 2025 im Leibniz-Forschungszentrum für Archäologie (LEIZA) in Mainz nach. Rund 40 Personen nahmen vor Ort teil, dazu kamen ebenso viele Online-Gäste aus ganz Deutschland. Anja Hoffmann (DASA Arbeitswelt Ausstellung, Sprecherin des Arbeitskreises Bildung und Vermittlung) wies auf die große Spannbreite der Besucher:innenorientierungen hin, die von planvollem bis intuitivem Verhalten reichte. Sie erklärte, dass Orientierung ein individuelles Grundbedürfnis sei und damit eine zentrale Angelegenheit für die Vermittlung darstelle. Die Tagung verfolge das Ziel, das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Susanne Zils (Historisches Museum Saar, Sprecherin des Arbeitskreises Ausstellungen) betonte, dass die Zusammenarbeit beider Arbeitskreise Bewegung in die musealen Prozesse bringe und die Bildung und Vermittlung als Querschnittsthema in den Häusern sichtbarer werden müsse.

Im Eröffnungsvortrag „Size Matters, aber nicht nur: Planen und Gestalten für effektive Vermittlung und Orientierung in Ausstellungen“ plädierte Professorin Jona Piehl (HTW Berlin) für eine kritischere Auseinandersetzung mit der Rolle grafischer Gestaltung in Ausstellungen. Sie verwies darauf, dass Gestaltung Verständlichkeit, Inklusion und institutionelle Identität gleichermaßen beeinflusst. Grafische und räumliche Elemente seien nicht bloßer Dekor, sondern erzählerische Werkzeuge. In diesem Verständnis können sie sowohl inkludieren als auch behindern, sodass hieraus die besondere Bedeutung der Gestaltung im Kontext der inklusiven Vermittlung hervorgeht. Piehl schlug vor, Gestalter:innen und Vermittler:innen frühzeitig einzubeziehen und visuelle Sprache als Kommunikationsstruktur zu begreifen, die Orientierung sowohl im Raum als auch in den Inhalten ermöglichen soll. Gestaltung müsse dabei konzeptionell genauso behandelt werden wie die Inhalte. Die Diskussion verdeutlichte, dass erfolgreiche Gestaltung nur gelingt, wenn Form, Inhalt und Funktion gemeinsam gedacht werden und visuelle Elemente gezielt eingesetzt sind – etwa, um zu leiten, zu aktivieren oder zu irritieren.

Im zweiten Beitrag „Immer an der Wand lang? Ausstellungsbesuche unter die Lupe genommen“ berichtete Annett Meineke (Stiftung Haus der Geschichte, Leipzig) von einer Besucher:innenbeobachtung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Ihre Auswertung zeigte, dass Besucher:innen Ausstellungen selten linear durchlaufen und Leitobjekte häufig nicht als solche erkennen. Die Analyse ergab, dass im Durchschnitt nur sechs von zwanzig Objekten intensiver wahrgenommen werden und die Aufenthaltsdauer im Ausstellungsverlauf abnimmt. Zudem zeigte sich eine Konkurrenzsituation zwischen den Ausstellungselementen, da Besucher:innen oft zwischen mehreren Attraktionen hinsichtlich Kosten und Nutzen der Wissensgenerierung abwägen und nicht alle gleichermaßen genutzt werden. Daraus leitete Meineke die Empfehlung ab, Ausstellungen stärker auf Fokuspunkte, klare Sequenzen und Erholungsräume auszurichten. Die Ergebnisse unterstreichen, dass gezielte Evaluationen entscheidend sind, um Ausstellungsdesign und Objektplatzierungen an reales Besucher:innenverhalten anzupassen.

Es folgte der Vortrag „Erfassung und Auswertung von Besucherbewegungen mit LiDAR-Sensoren im ZKM“ von Dr. Ralf Eger und Bernd Lintermann (Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe), die ihre Präsentation innerhalb der Frage nach einem neuen Umgang mit künstlicher Intelligenz im Museum verorteten. Das vorgestellte Forschungsprojekt untersucht den Einsatz von KI zur Analyse von Besucher:innenbewegungen im Museum. Statt kamerabasierter Systeme – die als Überwachung empfunden werden würden und datenschutzrechtlich problematisch sind – nutzt das ZKM LiDAR-Technologie, die mit Lasersensoren Bewegungen anonym und präzise erfasst. Daraus entstehen Heatmaps, die Auskunft über Bewegungsmuster, Verweildauern und genutzte Ausstellungsbereiche geben. Ziel ist, die Daten zur Verbesserung von Raumdramaturgie und Ausstellungsdesign zu nutzen.

Nach der Pause sprach Mathias Knigge (grauwert, Hamburg) zum Thema „Leiten im Design für Alle. Wie kann die Zugänglichkeit von Museen mit attraktiven Mehrwerten verbunden werden?“. Er machte deutlich, dass Barrierefreiheit bereits auf der Webseite eines Museums beginnt – bei Informationsstruktur, Wegbeschreibung und Nutzerführung. Das Konzept „Design für Alle“ zielt darauf, dass Inklusion allen Menschen einen Mehrwert bietet. Dafür solle von Sonderlösungen, die optisch als solche auffallen und damit exkludieren, Abstand genommen werden. Stattdessen werden universelle Lösungen angestrebt, die in sich harmonisch, dabei aber funktional, lesbar und intuitiv sind. Knigge stellte konkrete Maßnahmen vor, darunter kontrastreiche Gestaltung, verständliche Piktogramme, klar erkennbare Übergänge und taktile Orientierungshilfen. Er verwies zudem auf das Projekt „Bei Anruf Kultur“ sowie die App „Weimar+“ der Klassik Stiftung Weimar, die zeigen, wie barrierearme Medienangebote Teilhabe ermöglichen.

Im abschließenden Beitrag „Und es bewegt sich. Beobachtungen in und außerhalb von Museen“ untersuchte Susanne Zils (Historisches Museum Saar), wie Orientierungssysteme verständlich und nachhaltig gestaltet werden können. Sie verwies auf funktionierende Wegführungen im Alltag – etwa bei IKEA oder im öffentlichen Nahverkehr – und hob hervor, dass Orientierung auf Wiedererkennbarkeit und Konsistenz basiert. Museen sollten Leitstrukturen schaffen, die leicht verständlich, aber nicht trivial sind. Zils regte an, Besuchsrouten regelmäßig zu überprüfen und informelle Wege – sogenannte „Trampelpfade“ – als Inspirationsquelle zu nutzen. Gleichzeitig warnte sie vor einer Überfrachtung mit Piktogrammen, die nur funktionieren, wenn sie kulturell gelernt und kontextsensibel eingesetzt werden.

In der Abschlussdiskussion wurde hervorgehoben, dass Evaluation, Gestaltung und Vermittlung eng verzahnt sein müssen, um Museen besucher:innenorientiert und barrierearm zu gestalten. Frühzeitige, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie eine konsequente Perspektive der Besuchenden sind entscheidend, um Museen als inklusive und kommunikative Erfahrungsräume zu entwickeln.

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