Als Zeitzeug*innen von Grenzverschiebungen zwischen Polen und Deutschland agierten die Protagonist*innen dieser Ausstellung, die selbst oder deren Vorfahr*innen aus Polen nach Deutschland eingewandert waren. Damit veränderte die Ausstellung zwei Aspekte, die in der Geschichtsvermittlung noch immer vorherrschen: das Begreifen von Geschichte in nationalen Grenzen und das Befragen von Eingewanderten ausschließlich nach ihrer Migrationserfahrung und nicht als Zeitzeug*innen anderer gesellschaftlicher Ereignisse.
„Geschichtsvermittlung ohne migrantische Perspektive ist einseitig und unvollständig. Zum Beispiel die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die nur selten die grausame Besatzung Polens und die Folgen für die vielen Menschen mit polnischer Familiengeschichte in Deutschland in den Mittelpunkt rückt.“ Marie Grünter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Zeitraum
Vorbereitungszeitraum (Zusammenarbeit mit Protagonist*innen, Interviews, Objektauswahl, Texte etc.): 2023 bis 2024
Ausstellungszeitraum: Oktober 2024 bis Januar 2025
Finanzieller Rahmen
Da hier Vitrinen, Stelensysteme, Hörstationen etc. aus Nachnutzung bzw. in mehreren Ausstellungen des Projekts verwendet wurden, lässt sich der finanzielle Rahmen zum Zwecke der Orientierung nicht sinnvoll angeben.
Beteiligtes Personal im Museum
Inhaltliche bzw. direkte Organisationsarbeit: Vier festangestellte Mitarbeitende, zwei Projektmitarbeitende „Deine Geschichte schreibt Einwanderungsgeschichte“, eine Praktikantin.
Darüber hinaus wirkten Kolleg*innen aus Haustechnik, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Hauswirtschaft, Vertrieb, Gästebetreuung mit.
Beteiligte externe Gruppen oder Personen
Die acht Hauptprotagonist*innen der Ausstellung konnten für die Zusammenarbeit gewonnen werden u. a. durch lokale Community-Arbeit, durch die Netzwerkpflege aus Vorgängerprojekten sowie Schenker*innen des Museums sowie durch die Zusammenarbeit mit einer Partnerinstitution.
Formen der Partizipation
Aushandlung mit Protagonist*innen, welcher Aspekt ihrer (Familien)Geschichte bzw. Zeitzeug*innenschaft mithilfe von Texten und Interviewauszügen vorgestellt werden soll und welche Objekte dafür besonders aussagekräftig sind. An diese Ausstellungselemente wurden allgemeinere Texte zu z. B. historischem Kontext angepasst. Das heißt, zuerst entstand immer der Inhalt zu den Protagonist*innen. Vorgegeben durch die Kuration war der zeitliche Rahmen, den die Ausstellung abdecken sollte, sowie der Fokus auf Grenzverschiebungen im 20. Jubiläumsjahr des polnischen Beitritts zur EU.
Drei partizipative Stationen innerhalb der Ausstellung, die anhand jeweils dreier Fragen zu Grenzen, Krieg und Zukunftsvorstellungen einerseits die Reflexion und das Bewusstsein der eigenen Wirkmächtigkeit zu bestimmten Fragestellungen anregen sollten, andererseits die Möglichkeit boten, Ideen, Meinungen und Erinnerungen anderer Besucher*innen kennenzulernen.
Nachbefragung zur Bewertung des Projekts.
Welche Programmformate sind daraus entstanden?
Ausstellung, Vernissage mit Beiträgen der Ausstellungsprotagonist*innen, Workshops mit Schulklassen zum Thema Grenzen und Grenzverschiebung, Filmvorführung „Green Border“ von Agnieszka Holland (OT), Podiumsdiskussion mit u. a. Akteur*innen aus der deutsch-polnischen Community
Was sind die wesentlichen Learnings für das Museum?
Auch partizipative Ausstellungsprojekte wie dieses, bei dem zudem bereits Kontakt und ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis zu einigen der späteren Mitwirkenden bestand, brauchen genügend Zeitreserven, um auch ungeplante Aushandlungsprozesse zu gewährleisten.
Ein Beispiel: Die deutschen Texte wurden in Absprache mit den Protagonist*innen verfasst. Nach dem Lesen der polnischen Übersetzung wünschten sich mehrere Protagonist*innen einerseits rein sprachliche Änderungen. Die Übersetzung löste allerdings in zwei Fällen auch den Wunsch aus, eine inhaltliche Fokusverschiebung vorzunehmen.
Literatur und Weblinks zum Projekt
https://dah-bremerhaven.de/exhibitions/polnisch-deutsche-geschichten