Deutsch-Polnische Migrationsbewegungen

Migrationsgeschichten mit Objekten erzählen

Wir sind Mitarbeiterinnen verschiedener musealer Institutionen aus Deutschland und Polen. Das Thema Migration verbindet uns. Dabei sind die Migrationsbewegungen, die wir untersuchen, in zeitlicher und inhaltlicher Hinsicht sehr unterschiedlich: Die Stiftung Schulpforta und das Regionalmuseum in Wągrowiec thematisieren die Migrationsbewegung der Zisterzienser im Hochmittelalter. Diese Bewegung zog sich von Cluny über Kloster Pforta ins Kloster Wągrowiec. Das Projekt des Museumsverbandes für Niedersachsen und Bremen sowie die Ausstellung des Museumsverbundes Elbe-Elster beschäftigen sich mit der Zwangsmigration der Deutschen infolge des Zweiten Weltkriegs und damit verbundenen Objektbewegungen. Das Museum in Tarnowskie Góry zeigt anhand eines privaten Objekts das Phänomen der von Polen nach Deutschland Aussiedelnden. Wir blicken auf diese Migrationsbewegungen aus unserer heutigen Sicht als Deutsche und als Polinnen, wohl wissend, dass es nationale Zuordnungen und Nationalstaaten beispielsweise im Mittelalter noch gar nicht gab. Mit unserer virtuellen Ausstellung wollen wir dafür sensibilisieren, dass es Migration schon immer gegeben hat.

Über uns

Gemeinsam wollen wir herausfinden, wie sich unsere Institutionen mit dem Thema der Migration beschäftigen und wie Arbeitsfortschritte und Ergebnisse für die jeweiligen Besuchergruppen sichtbar gemacht werden. Es gibt Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen uns. Wir machen Migration vielfältig nachvollziehbar: Indem wir die Geschichte eines Menschen erzählen, mithilfe eines Objekts oder indem wir die Schritte vergangener Wege nachvollziehen. Migration bedeutet konstante Bewegung nach innen und außen. Wer sich bewegt, kehrt oft zu dem Ort zurück, an dem die Wanderung begann, und besucht Haltepunkte entlang des Weges. Unsere Wege haben sich gekreuzt, und wir wollen mehr voneinander und über uns selbst lernen.

Kuratiert von:

Museum in Tarnowskie Góry
Museumsverband für Niedersachsen und Bremen e. V.
Museumsverbund Elbe-Elster
Regionalmuseum in Wągrowiec
Stiftung Schulpforta

Cisterscapes

Cisterscapes ist ein gemeinsames Projekt des Landkreises Bamberg und 17 besonderer Zisterzienser-Klöster in fünf europäischen Ländern.
Die Zisterzienser waren der einzige europaweit vernetzte Orden im Hochmittelalter, der aufgrund seiner Verfassung und wirtschaftlicher Dominanz landschafts- und kulturprägend war.
Die Klosterlandschaften sind ein Spezialfall der historischen Kulturlandschaft und Träger europäischer Identität, die seit dem 12. Jahrhundert in der Landschaft ablesbar ist.
Die Geschichte und Bedeutung des Ordens soll durch gemeinsame Partner-Projekte erfahrbar gemacht werden, zum Beispiel zwischen den Klosterlandschaften Pforte und Wagrowiec.

https://cisterscapes.eu/

Ein Apfel erzählt eine Geschichte

Die Kultivierung des Borsdorfer Apfels ist 1175 im Kloster Leubus (heute Lubiąż, Polen) nachgewiesen. Von dort reiste er über das gesamte Netzwerk zisterziensischer Klöster nach Osten, und auch bis zurück nach Frankreich. Der Borsdorfer Apfel ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte einer Migration durch ganz Europa. Er macht Wege sichtbar, die vor Jahrhunderten prosperierten. Auf den Spuren unserer Vorfahren können wir sie noch heute finden und ihnen folgen.

Zeuge der Vergangenheit

Die Gründungsdokumente des Edlen Zbylut aus der Familie Pałuka für das Kloster Łekno gehören zu den wertvollsten Zeugnissen mittelalterlicher polnischer Kultur. Die 1153 ausgefertigte Stiftungsurkunde aus Pergament hat in ihrer originalen Form bis heute überdauert und ist der älteste bekannte Nachweis zisterziensischen Wirkens im heutigen Polen. Die Mönche waren bereits einige Jahre zuvor nach Łekno gekommen und ließen sich am dortigen See nieder. Nach und nach machten sie das Land entsprechend ihrer Bedürfnisse urbar. Über rund 700 Jahre nahmen sie bedeutenden kulturellen Einfluss auf die Landschaft um Łekno und Wągrowiec. Trotz der Auflösung des Klosters 1835/36 sind die Zeugnisse ihres Wirkens auch heute noch sichtbar.

Die Erinnerung der Flüchtlinge und Vertriebenen

Das Projekt „Herkunft. Heimat. Heute” des Museumsverbandes für Niedersachsen und Bremen setzt sich dafür ein, kulturhistorisch bedeutsame Objekte aus den niedersächsischen Heimatsammlungen der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten zu sichern und zu erhalten. Niedersachsen nahm nach dem Zweiten Weltkrieg mit rund 2 Millionen Menschen einen Großteil der Flüchtlinge und Vertriebenen auf. Diese Blockflöte gehörte einem Mädchen, das sie auf seiner Flucht aus dem ehemaligen Ostpreußen (heute Polen) nach Niedersachsen mitnahm.

Objekt-bewegungen

Eine in Vorbereitung befindliche Ausstellung des Museums Schloss Doberlug präsentiert ab 2022 das Inventar von Schloss Schlobitten, ehemals Ostpreußen (heute Polen) und vermittelt damit Aspekte mitteleuropäischer Adelskultur. Große Teile der Schlobittener Ausstattung wurden 1945 von der Familie der Burggrafen und Grafen zu Dohna nach Norddeutschland gebracht und sind seitdem an deutsche Museen übergeben worden. Sie befinden sich heute in Verwahrung der Stiftung Preußische Schlösser Berlin-Brandenburg und kommen als Leihgabe nach Doberlug. Andere Dohna-Objekte werden in polnischen Museen präsentiert. Während die Ausstellung vornehmlich auf adlige Lebenswelten und Überlebensstrategien fokussiert, sucht das Museum derzeit nach Möglichkeiten, auch die Migration der Objekte sichtbar zu machen.

Die Sammlung des Museums Tarnowskie Góry (Polen) enthält bisher keinerlei Dokumente oder Objekte, die an die große Auswanderungswelle von Polen nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Es zeigte sich, dass auch andere oberschlesische Museen das Thema bisher nicht aufgegriffen hatten. Es gibt jedoch eine Geschichte zu einem Kruzifix, das die Migration von mehreren Familien begleitet hat. Das Kruzifix hängt in einem Haus in Delmenhorst (Deutschland), in dem eine Familie aus Tarnowskie Góry lebt. Ganz offensichtlich ist es immer wieder von einer Familie, deren Auswanderung nach Deutschland unmittelbar bevorstand, an eine ausreisewillige Familie übergeben worden. Dies muss mehrfach geschehen sein. Die letzte Familie S. gab das Kruzifix nicht weiter, sondern nahm es mit nach Deutschland. Seitdem ist keine weitere direkte Familie oder Freunde der Familie S. von Polen nach Deutschland ausgewandert. Hat das Objekt eine derartige Kraft?

Eine digitale Ausstellung von: