Warum Mobilität so relevant ist
Zahlen aus der Praxis zeigen die Bedeutung: In der Klimabilanz der elf Hamburger Museen des Netzwerks 11zu0 macht die Besucher:innenmobilität über 80 % der gesamten CO₂-Emissionen aus. Gleichzeitig ist sie einer der unsichersten Faktoren in der Bilanzierung. Die Daten sind heterogen, stark vom individuellen Verhalten geprägt und meist nur über Stichproben zu erfassen, was zeit- und ressourcenintensiv ist.

Warum Mobilitätsdaten erheben?
Die vorgestellten Praxisbeispiele zeigten unterschiedliche Motivationen: So führt die Staatsgalerie Stuttgart Besucher:innenbefragungen unter anderem im Rahmen bestehender ISO-Zertifizierungen durch. Die gewonnenen Mobilitätsdaten fließen sowohl in die Umweltbilanz als auch in Marketing- und Kommunikationsstrategien ein. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg nutzt Mobilitätsdaten vor allem für die jährlichen Klimabilanzen des Netzwerks 11zu0. Dabei dienen sie unter anderem auch als Kommunikations- und Argumentationsgrundlage gegenüber politischen Entscheidungsträger:innen.
Auch wenn der Einfluss der Museen auf die Mobilitätsentscheidung der Besuchenden in der Realität begrenzt ist, wollen dennoch einige Häuser verstehen, in welchem Umfang der Publikumsverkehr zu CO₂-Emissionen führt und wo ein möglicher Handlungsrahmen ist. Die Erfassung von Mobilitätsdaten kann daher eine zentrale Grundlage für die Kommunikation und für strategische Entscheidungen bilden.
Wie erheben?
Die Berechnung folgt einem einfachen Prinzip:
Messgröße (Personenanzahl × Distanz) × Emissionsfaktor (je nach Art des Verkehrsmittels) = CO₂-Äquivalente
Zentrales Instrument der Datenerhebung sind Besucher:innenbefragungen. Diese können beispielsweise mit Hilfe von digitalen Tools erfolgen.
Vorgestellt wurde unter anderem das Tool Crowd Impact, das Erhebung und Auswertung von Mobilitätsdaten bündelt. Funktionen wie integrierte Distanzrechner, automatische Stichprobenberechnung, Plausibilitätschecks und grafische Auswertungen können den administrativen Aufwand reduzieren. Der KBK-Standard für die Klimabilanzierung bietet zudem einen Distanztracker zur einfachen Ermittlung von Anreiseentfernungen.
Museen können auch eigenständig Besucher:innenumfragen durchführen. Hierbei empfiehlt es sich, Product Category Rules (PCR) aufzustellen, um die Realität der Besuchendenanreisen besser abzubilden. Insbesondere bei längeren touristischen Reisen, bei denen neben dem Museum auch Theater, Restaurants und Shoppingangebote etc. besucht werden, macht es Sinn, nur einen Teil des genutzten Verkehrsmittels in die Klimabilanz einfließen zu lassen.
Beispiele der PCR (11zu0):
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PCR 1 – Flugreisen:
Inlandsflüge = 1/3 der Emissionen werden den jeweiligen Museums-Klimabilanzen zugerechnet.
Innereuropäische Flüge = 1/5 der Emissionen
Internationale Flüge = 1/8 der Emissionen -
PCR 2 – PKW, Reisebus und Fernbahn:
3/4 der Emissionen werden den jeweiligen Museums-Klimabilanzen zugerechnet.
Die ermittelten Zahlen müssen als eine Annäherung verstanden werden, um künftig ein immer besseres Verständnis für das Verhalten der Besuchenden und der damit verbundenen Emissionen zu bekommen.
Tipps für eine erfolgreiche Besucher:innenumfrage:
- Persönliche Ansprache oder moderierte Befragungen per Tablet/App erhöhen die Teilnahmequote.
- Kurze Fragebögen (max. drei Minuten) sind entscheidend für die Teilnahmebereitschaft. Auch die Kommunikation, dass die Beantwortung der Fragen schnell geht, zeigte sich als wirkungsvoll.
- Eine wertschätzende, neutrale Ansprache führt zu ehrlicheren Antworten als eine stark moralisch aufgeladene Nachhaltigkeitsargumentation.
- Eine möglichst diverse Stichprobe (verschiedene Jahreszeiten, Wochentage und Zielgruppen) erhöht die Aussagekraft.
Belastbarkeit durch Plausibilitätsprüfungen
Da Mobilitätsdaten auf Selbstauskünften beruhen, sind sie besonders fehleranfällig. Einzelne unrealistische Angaben können, vor allem bei Hochrechnungen, die gesamte Bilanz erheblich verzerren. Abhilfe schaffen systematische Plausibilitätsprüfungen, zum Beispiel:
- Entfernungsprüfung: Passt die Distanz zum angegebenen Startort?
- Verkehrsmittel-Logik: Ist das gewählte Verkehrsmittel für die Strecke realistisch?
- Kombinationsprüfung: Stimmen Zwischenstrecken und Verkehrsmittelwechsel?
- Karten- oder Distanzabgleich: Vergleich mit realen Entfernungen.
- Ausreißer-Erkennung: Extremwerte prüfen oder gesondert behandeln.
Von Daten zu Maßnahmen
Die Datenerhebung ist kein Selbstzweck. Auf ihrer Basis können Museen unter anderem:
- ihre Kommunikation zur klimafreundlichen Anreise gezielt weiterentwickeln,
- Kooperationen mit Verkehrsverbünden eingehen,
- Anreizsysteme sowie Fahrrad- oder ÖPNV-Aktionen entwickeln.
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt stark von den lokalen Rahmenbedingungen ab. Besucher:innenmobilität wurde dabei auch als strategischer und politischer Hebel verstanden: Museen können Sichtbarkeit schaffen und Argumente liefern, sind jedoch auf Kooperationen mit Stadt, Verkehr und Tourismus angewiesen.
Fazit
Der Workshop zeigte: Die Mobilität von Besucher:innen und Mitarbeitenden ist einer der größten Hebel in der Klimabilanz von Museen – zugleich aber methodisch anspruchsvoll. Strukturierte Datenerhebung, realistische Annahmen und der offene Austausch über Herausforderungen sind zentrale Voraussetzungen, um Mobilitätsströme sichtbar zu machen und schrittweise klimafreundlicher zu gestalten. Wir werden den Austausch fortsetzen, um künftig einheitlichere Erfassungssysteme zu entwickeln und so zu validen Daten zu gelangen.
Weiterführende Links:
- Die Kulturministerkonferenz informiert auf Ihrer Homepage über die Weiterentwicklung des KBK-CO2-Kulturstandards.
- Step-by-Step zur Klimabilanz.
- Weitere Informationen zur Mobilität in Museen auf unserer Website.
- Auf der Website von Crowd Impact erhalten Sie viele weitere Informationen.
- Die Dokumentation zum Thema Besucher:innenmobilität des Museumsbunds Österreich
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