Workshop des Stadtlabor Sammlungs-Check, © Historisches Museum Frankfurt

Im Dienste der Gesellschaft? Sammlungsarbeit auf dem Prüfstand

Was bedeutet eine Hinwendung zu einer starken Publikumsorientierung für das Sammeln und den Umgang mit den Sammlungen in Museen? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Werkstattgespräch des Deutschen Museumsbundes am 14. und 15. November 2019.

Die Sammlungen des materiellen und immateriellen Kulturerbes bilden die Basis der Museumsarbeit. Durch ihre Sammlungen unterscheiden sich Museen von allen anderen Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Sammeln und Bewahren sind aber kein Selbstzweck. Museale Sammlungen stehen (entsprechend der aktuellen ICOM-Definition) im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung zum Zweck des Erlebens, der Bildung und des Studiums.

Um im Dienste der Gesellschaft zu handeln zu können, müssen sich die Museen für die Bedürfnisse und Interessen, Sichtweisen und Perspektiven der Menschen interessieren. Wie finden Museen etwas über diese heraus? Was bedeutet dies für die Sammlungen und die Sammlungsarbeit? Muss sich der Umgang mit den Sammlungen in den Museen verändern, wenn sie ihnen Bedeutung zumessen? Und wenn ja, wie? Viele demokratische Gesellschaften haben in den letzten Jahren eine verstärkte Hinwendung zu mehr Beteiligung und Partizipation erfahren. Gleichzeitig ist die Gesellschaft von zunehmender Diversität geprägt. Was bedeutet dieser Trend für die Sammlungsarbeit der Museen?

Verschiedene Museen stellen sich diesen Fragen bereits. Unter anderem hatte der Deutsche Museumsbund im Rahmen einer Ausschreibung um Ideen gebeten und 2018 sechs kleine experimentelle Projekte gefördert. Insbesondere im Kontext der Debatte um Museen, Migration und Diversität ist die Sammlungsarbeit aber schon länger ein wichtiges Thema und die Museen haben viele Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt:

Museen erproben neue Sammlungsstrategien und partizipative Formate beim Aufbau neuer Sammlungsbestände. Sie interessieren sich für die Perspektiven der potentiellen wie tatsächlichen Besucherinnen und Besucher auf die bestehenden Sammlungen. Sie sichten diese häufig mit Hilfe partizipativer Methoden neu. Museen reflektieren ihren eigenen Umgang mit ihren Sammlungen, machen ihn ihren Besucherinnen und Besuchern gegenüber transparent und stellen ihn zur Diskussion. Manche ermöglichen den Besucherinnen und Besuchern einen direkteren Zugriff auf und neue Zugänge zu den Sammlungen.

Am 14. und 15. November 2019 haben wir im Nordwestdeutschen Museum für IndustrieKultur – Nordwolle Delmenhorst über 60 Expertinnen und Experten aus den Museen und um die Museen herum zusammengebracht. Viele haben bereits Ideen entwickelt und Erfahrungen in diesem Feld gesammelt. Gemeinsam loteten wir den aktuellen Stand der Debatte aus, diskutierten gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen und suchten Antworten auf offene Fragen. Dabei waren die Projekte, in denen neue Umgangsweisen mit den Sammlungen in den meisten Museen in der Regel erprobt werden, Ausgangspunkt der Diskussion; wir sind aber einen Schritt weiter gegangen und haben nach den Konsequenzen einer Hinwendung zu einer stärkeren Publikumsorientierung für die alltägliche Museumsarbeit gefragt:

• Braucht es neue Kriterien und neue Strategien für das Sammeln und das Entsammeln?
• Sammeln wir künftig andere Informationen zu den Objekten? Erforschen wir sie auf andere Weise und unter anderen Gesichtspunkten?
• Ergeben sich daraus neue Anforderungen für die Dokumentation von Museumsobjekten? Werden wir diesen mit den bestehenden Systemen gerecht?
• Müssen sich die Haltungen, die Arbeitsweisen und Strukturen verändern?

Diese Fragen wurden intensiv in Kleingruppen diskutiert, damit alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Expertise und Erfahrungen einbringen konnten. Die Ergebnisse werden in der ersten Jahreshälfte 2020 hier veröffentlicht. Sie dienen als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen und leisten einen Beitrag zu den vom Deutschen Museumsbund in seiner Agenda 2019-2022 formulierten Arbeitsschwerpunkten „Umgang mit Sammlungen“ und „Attraktivität der Museen“.

Das Werkstattgespräch des Deutschen Museumsbundes fand in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Migration im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Projektes „Hauptsache Publikum!? Das besucherorientierte Museum“ statt.